Die Zeitlosen – Öko-Weingut Zang in Nordheim

Titel Öko-Weingut Zang

[In Kooperation mit dem Öko-Weingut Zang] Würde Rainer Zang heute ein Weingut gründen, er müsste es wahrscheinlich nicht mehr als »Öko-Weingut« bezeichnen. Vor über 30 Jahren war das noch anders und Zang gemeinsam mit Helmut Christ und Gerhard Roth einer der ersten »Spinner« mit grünem Gestrüpp im Weinberg und alten Holzfässern im Keller. Heute gehört das alles zum state of the art eines qualitätsorientierten Weinguts. Genau wie diese Lässigkeit, einen zwölf Jahre alten Ortswein als aktuellen Jahrgang im Programm zu haben. Wer also sucht nach einer Kombination aus (auch preislicher) Bodenständigkeit und ziemlich genialen Weinen, der ist hier genau richtig. Und weil die Zangs alles andere als Lautsprecher sind, springe ich gern in die Bresche und berichte von meinem Besuch im Weingut…

Die Große Silvaner-Schau – forever Zang

Silvaner-Schau 2024

Weinbau wird in der Familie Zang urkundlich belegt mindestens seit dem Jahr 1640 betrieben. Der erste Vorfahr, von dem man es weiß, war Büttner und Winzer in Frickenhausen. Irgendwann Anfang des 19. Jahrhunderts siedelte dann einer der Zangs über auf die Weininsel – und von ihm stammen alle anderen ab, die es heute hier gibt. Rainer Zang weist lachend darauf hin, dass man mit fünf Familiennamen vermutlich die halbe Bevölkerung der hiesigen Weinbauorte abdeckt. Die Sauers, die Fröhlichs, die Brauns, nie ist es nur ein Weingut, das diesen Namen trägt. Die »Öko-Zangs« bewirtschaften heute knapp sieben Hektar Rebland, sechseinhalb davon sind mit weißen Rebsorten bestockt. Trotzdem sollte man die Roten keineswegs unterschätzen, mehr dazu beim Tasting weiter unten.

Jetzt aber geht es erst einmal in den Weinberg. Auch wenn der Weinort Nordheim offiziell dank der Flurbereinigung nur über zwei Einzellagen verfügt, sind es in Wirklichkeit doch viele verschiedene Gewanne mit ganz unterschiedlichen Eigenschaften.

Es grünt und blüht im Zang-Land

Blühmischung Weinberg

Zunächst fahren wir zu einer Parzelle am Fuß des Vögeleins, die sich genau hier befindet. Während andernorts entweder schon gemäht wurde, schlicht Gras oder auch mal gar nichts in den Rebzeilen steht, haben die Zangs noch eine opulente Blühmischung zu bieten. »Ja, wir lassen alles möglichst lang stehen. Die Blühmischung kommt in jede zweite Zeile, die andere ist dann die so genannte Fahrgasse.« Fahrgasse? Aber da sprießt es doch fast genauso. »Stimmt«, sagt Rainer Zang, »aber das ist mehrjähriger natürlicher Bewuchs, meistens Gräser. Den mähen wir, weil wir die Handarbeiten dann besser durchführen können.«

Öko-Weingut Zang Gutswein Streuobst

Ausgerechnet in diesem Jahr ist Bodentrockenheit glücklicherweise gar kein Thema. In der Parzelle stehen Riesling und Weißburgunder für den Gutswein und teilweise den Ortswein Weißburgunder, die einfacheren Qualitäten also. Der Boden besteht in erster Linie aus Schwemmland und ist für Top-Weine weniger geeignet. Dafür gibt es direkt nebenan eine Streuobstwiese. »Die gehört uns auch«, erläutert Sohn Maximilian Zang. »Das hat primär ökologische Gründe, also Biodiversität, Auflockerung der Weinbaulandschaft. Äpfel, Zwetschgen und Quitten essen wir selbst oder die Leute, die uns bei der Lese geholfen haben. Nichts für den Verkauf.«

Der Bronner von der Hohen Setz

Nordheim Hohe Setz

Jetzt geht es auf die Weininsel hinauf zur »Abbruchkante«. Wie eine Linie zieht sich diese von Nordheim nach Sommerach. Die Unterlage ist steinig, reiner Muschelkalk, die Reben müssen tief wurzeln und sind gut belüftet. Mit anderen Worten: die besten Bedingungen für die besten Weine. »Hohe Setz« heißt das Gewann hier, für abgekürzt als »HS« auf dem Lagen-Weißburgunder der Zangs. Die Sommeracher haben ihre Flur bereits komplett »umbezeichnet« und dürfen jetzt die alten Gewannnamen auf den Etiketten verwenden. Die Nordheimer sind noch nicht soweit, weil sie auch einen anderen Weg fahren wollen. Statt alles aufzuteilen, wollen sie nur die besten Gewanne bezeichnungstechnisch zulassen. Aber welche gehören dazu? Und wo verlaufen die Grenzen genau (gut, eine historische Orientierung gibt es hier)? Wie auch immer, die Hohe Setz dürfte definitiv zu den Spitzen gehören.

Direkt neben dem Weißburgunder steht übrigens eine Rebsorte, die man kaum in deutschen Weinbergen sieht, erst recht nicht in dieser Toplage. »Ja«, schmunzelt Rainer Zang, »das ist tatsächlich ein bisschen überraschend. Ich hatte hier Bronner gepflanzt, eine pilzwiderstandsfähige Sorte. Wenn man so etwas als Pionier macht, muss man direkt neben dieser Versuchssorte eine etablierte Vergleichssorte haben, um dann die Eigenschaften im Vergleich genau beschreiben zu können. So steht der Bronner in der Setz neben dem Weißburgunder. Vielleicht wird er deshalb auch recht anständig, weil die Lage so gut ist.« Recht anständig, so eine Formulierung ist typisch für Vater und Sohn Zang. Wir sind hier einfach ungeheuer weit weg von Angebern, Lautsprechern und Hochjublern.

Kellerbesuch

Öko-Weingut Zang Flaschenrecycling

Zurück im Weingut fallen mir vor dem Besuch des Kellers die Holzkisten mit etikettierten Flaschen auf – Leerflaschen wohlgemerkt. »Unsere Flaschen haben wir eigentlich schon immer zurückgenommen«, erklären die beiden. »Mittlerweile lassen wir sie bei einem spezialisierten Unternehmen in Volkach spülen und bekommen sie dann wieder zurück.« Trotz des Aufwands ist die Ökobilanz deutlich besser als bei Neuflaschen, Volkach liegt nur fünf Kilometer entfernt.

Rainer Zang war 1989 im Burgund, eine in mehrerer Hinsicht inspirierende Reise für ihn. Neben den Kniffen bei der Rotweinerzeugung hat ihn auch beeindruckt, dass selbst die teuersten Weine letztlich in eine Einheitsflasche gefüllt werden. »Mal schauen, ob wir das hier auch irgendwie hinbekommen…«

Öko-Weingut Zang Holzfässer Keller

Edelstahltanks stehen im Weingut Zang nur ganz vorn im Keller. »Die brauchen wir ausschließlich zum Cuvetieren. Wenn es vom Platz genügt, versuchen wir alle unsere Weine im Holzfass auszubauen.« Neu ist keines der großen Fässer, im Gegenteil. Fast alle stammen aus den 1960er Jahren, teilweise mit zeitgenössischer künstlerischer Ausstattung. Ein kleineres Fass mit einer geschnitzten Figur trägt die Jahreszahl 1973. »Das ist für unseren Silvaner Langgraben, 700 Liter, passt von der Menge ideal.«

Tonneaux Zang

In einer Ecke befinden sich schließlich noch zwei Tonneaux, die beide aus dem Burgund stammen, aber vorher bei Von Winning sozusagen ihre Neuholzphase durchlaufen haben. Maximilian hat seine Ausbildung dort in der Pfalz gemacht, nicht die schlechteste Adresse allgemein und erst recht nicht, wenn es um Experimente mit Holz geht. »Wir haben festgestellt«, sagt er, »dass das Damy-Fass aus Meursault mit seinen schwereren, röstigeren Noten besser zum Chardonnay passt, das Sylvain-Fass mit leichteren, fast grünlichen Anklängen besser zum Weißburgunder.« Soweit zu den Informationen für Eingeweihte. Jetzt aber zum Geschmack – vier Weine vom Weingut Zang habe ich für das Tasting ausgewählt.

Wein #1 – Silvaner Gegenstrom 2021

Silvaner Brunnweg Gegenstrom

»Gegenstrom«, das ist sozusagen die Charakterlinie bei den Zangs. Nicht dass die anderen Weine wenig Charakter hätten. Schließlich gelten für alle Weine folgende Elemente: Handlese, Spontangärung, Ausbau im Holzfass, biologischer Säureabbau. Aber beim Gegenstrom kommt noch eine Komponente dazu. 10% der schönsten Trauben wurden dafür nämlich separat in Eimern gelesen und später von Hand abgebeert. Bevor der gepresste Süßmost dann ins Fass kommt, schütten die Zangs zuerst diese Beeren unten hinein. Das gibt einen Touch intrazelluläre Gärung, eine schwer fassbare Mischung aus Maische-Grip und Reife – schlicht ein Plus an Charakter.

Der Gegenstrom stammt aus dem Gewann Brunnweg oben auf dem Foto. Die Reben sind noch relativ jung, bestehen aber aus »allen Klonen, die wir bei der Rebschule bekommen konnten«. 2021 war ein kühleres Jahr, der Alkohol ist also sehr gebremst, die Aromatik jedoch voll da. Alles wirkt gelb, grün, kräuterig, pikant, aber ohne jede barocke Breite. Beim Solotest denke ich noch, hm, schon ein bisschen erklärungsbedürftig. Aber zum Spargel mit Knoblauchsteak (eine Herzens-Kombi) haut der Wein alle vom Hocker. Wird viel schneller leer als man denkt. 14 € ab Hof, und 2021 ist der neue Jahrgang, der jetzt frisch herauskommt.

Wein #2 – Cuvée Widerstand 2021

Öko-Weingut Zang Silvaner Gegenstrom Piwi-Cuvée Widerstand

»Widerstand« als Name, dazu die geballte Faust auf dem Etikett, das verspricht Kontroverse, einen rohen Wein gar. Aber nix da. Es handelt sich schlicht um eine Cuvée aus den robusten Sorten Bronner (ihr kennt die Lage jetzt) und Johanniter. Gelabelt ist das lediglich als Gutswein, der Preis erscheint mit 8,50 € auch sehr basisch, aber der Wein kann ganz schön viel. Johanniter ist dabei für die fruchtig-frische Komponente zuständig, ein bisschen nach Riesling-Art, aber aromatisch eher in die Richtung Limette-Ananas. Eine lebendige Säure bringt er auf jeden Fall mit, und da setzt der Bronner einfach seine strukturierte Cremigkeit dagegen. Wahnsinnig viel Würze und Tiefe braucht ihr nicht zu erwarten, aber das ist ein tiptop Speisenwein mit ganz schön viel Struktur. Und ein großartiger Pirat, besonders für Piwi-Skeptiker…

Wein #3 – Spätburgunder Alte Welt 2012

Nordheim Stark Holz Gewann

Die Burgund-Reise des Jahres 1989, ich sprach schon davon. Für Rainer Zang waren ab da nicht nur voll durchgegorene und im neutralen Holz ausgebaute Weine angesagt, sondern wenig später auch die ersten roten Reben im Weinberg. Spätburgunder natürlich, und zwar am Reitweg im Gewann »Starkholz«. Hier gibt es gut trocknenden Kies im Untergrund, zudem ist es nicht zu heiß, das gefällt der Rebsorte. Zwei Weine holen die Zangs aus der Parzelle. Der kleinere wird »Alte Welt« genannt (18 € ab Hof) und hat mit einem gewissen Anteil an Ganztrauben (wegen der Phenolik) und Barrique-Ausbau bereits alles, was ein Villages-Roter braucht. Und danach schmeckt er auch. Leicht balsamisch in der Nase, aber sehr duftig und überhaupt nicht wie ein kleiner Wein. Im Mund kommt dann eine pfeffrige Würze, durchaus Kraft, aber auch viel Kirschfrucht und eine sensationell samtige Struktur.

Das richtig Krasse aber ist der Jahrgang. 2012. Die Zangs haben tatsächlich die Chuzpe, einen zwölf Jahre alten Ortswein als aktuellen Jahrgang anzubieten. Ich bin beim Testen total perplex und fasziniert. Lasst den Wein nicht tagelang offen, er funktioniert eigentlich gleich ab dem Entkorken, aber glaubt mir: Das ist wirklich eine Entdeckung!

Wein #4 – Weißer Burgunder HS 2021

Öko-Weingut Zang Weißburgunder Hohe Setz Spätburgunder Alte Welt

Zum Schluss folgt noch der Lagen-Weißburgunder aus der Hohen Setz (18 €). Im Jahrgang 2021 kommt er wie die anderen Weißen mit einem sehr gebremsten Alkohol von 12,0 vol% daher. Durch die Art des Ausbaus sind die Zang-Weine aber nie spitz oder fruchtspritzig, sondern haben alle diesen eleganten, burgundisch anmutenden Charakter. Die Trauben wurden selektiv gelesen, der Rest kommt, auch aus dieser Lage, in den Ortswein. Über Nacht bleibt alles auf der Maische und wird dann im Tonneau auf der Hefe ausgebaut. Abgefüllt wird der HS immer vor der nächsten Ernte.

Interessanterweise definieren die Zangs hier »Größe« nicht etwa mit Kraft und Exuberanz, sondern mit Eleganz und Feinheit. Dies ist tatsächlich der leiseste und irgendwie fast zarteste Wein der gesamten Kollektion. Ein totaler Feingeist. Ganz subtil, etwas für weißfleischigen Fisch.

Was hat das Öko-Weingut Zang zu bieten – mein Fazit

Ich muss etwas gestehen, falls ihr es nicht schon selbst gemerkt habt. Der Besuch bei den Zangs und das Probieren ihrer Weine hat mir ausgesprochen Spaß gemacht. Ich kannte das Weingut natürlich und wusste um seinen Ruf, zu den leisen Könnern zu gehören. Aber wenn woanders etwas Krasses, Neues, Aufregendes angeboten wird, kommt man manchmal wieder ab vom ursprünglichen Vorhaben, auch die subtilen Weine probieren zu wollen.

Das Einzige, was man bei den Zangs krass nennen kann, ist ihre Konsequenz, ihre Beharrlichkeit, einmal für gut befundene Wege weiter zu beschreiten. Wer Primärfrucht und Kohlensäure in Jungweinen sucht, wird hier nicht fündig. Aber wer diese Zeitlosigkeit schätzt, die vielen durchdachten Details, die Eleganz und meinetwegen auch die gerade in Anbetracht der Qualität sehr guten Preise, kommt glaube ich nicht umhin, es mir gleich zu tun.

Besorgt euch das Zeug, fahrt euch runter, lasst euch Zeit und kommt in den Rhythmus dieser Weine. Wahrscheinlich ist das schon wieder viel zu viel Lob für den Geschmack der Zangs, sorry. Hier habt ihr jedenfalls etwas, das sich definitiv nicht für ein Speed-Dating eignet. Aber dafür hält es richtig lang.

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3 Antworten zu Die Zeitlosen – Öko-Weingut Zang in Nordheim

  1. Hartmut Scheuring sagt:

    hej Matthias, die Weininsel steht bisher nicht wirklich auf meiner “must have”-Liste. früher war ich ab und zu mal bei Manfred Braun, dessen Frühburgunder ich sehr geschätzt habe und den Zang in Sommerach muss man natürlich kennen, wenn man einen Alten Satz zu schätzen weiß. Aber sonst?
    Jetzt habe ich das Gefühl, ich muss meine “Weinlaube” (mein Wohnmobil) auf die Straße nach Nordheim bringen. Das klingt nach Seinen nach meinem Geschmack 😉
    Danke für den tollen Artikel

    • Matze sagt:

      Hartmut, definitiv! Ich glaube sogar, das ist ganz und gar nach deinem Geschmack, diese ruhige Art prägt deine Weine ja ebenso.

  2. EC sagt:

    Der 2012er Spätburgunder ist ja keine Kellerleiche, von der nun die Reste verhökert werden, er wurde tatsächlich erst in 2023 gefüllt, wie auch die 23er AP-Nummer dokumentiert! Sehr schön m.E. der direkte Vergleich mit dem 18er “Neue Welt”, der zeitgleich gefüllt wurde. Dazu dann noch die 12er “Privat-Reserve”, die zwar etwas üppiger ausfällt, aber dennoch ihren Reiz hat.
    Ich habe im letzten November alle drei Weine noch unetikettiert mitgenommen, die Labels wurden mir dann 2 Wochen später nachgeschickt.

    Auch sonst fiel auf, daß die Weine dann in den Verkauf kommen, wenn man meint, daß sie soweit sind und keinen Tag früher. Wo sonst nimmt man sich noch die Zeit dafür? Bei den meisten Gütern wird ja alles zeitnah rausgehauen. Auch das recht lange Gespräch mit Maximilian Zang war seinerzeit höchst angenehm wie erhellend!

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