In eigener Sache – Abschied von Nürnberg

Abschied von Nürnberg

Es ist soweit. Nach einer doch beträchtlichen Anzahl an Jahren habe ich der Frankenmetropole den Rücken zugekehrt. Ohne allerdings die magnetische Anziehungskraft der Metropolregion ganz zu überwinden. Aber dazu später. Wie immer bei solchen Abschieden überlegt man sich natürlich, was einem gefallen hat und was man eventuell vermissen wird. Das habe ich – primär in kulinarischer Hinsicht – hier auch getan. Es folgen also zehn Orte in Nürnberg, auf die ich ungern verzichten werde…

1. Asia-Supermärkte

Asia-Supermarkt Nürnberg

Es gibt in Nürnberg mehrere Asia-Supermärkte. Der größte und am besten ausgestattete ist sicherlich der Go Asia in der unterirdischen Passage zwischen Karstadt und Lorenzkirche. Touristen, die nicht mit der U-Bahn fahren, würden ihn nie entdecken. Sie bräuchten ihn aber vermutlich auch nicht, ganz anders als ich selbst. Mir haben diese Läden in der ewig währenden staden Zeit die Lebensfreude gerettet. Corona bedeutete ja vor allem Daheimsein, Home Office, nicht auswärtig essen, nicht wegfahren. Und wer diesen Blog früher schon gelesen hat, weiß, dass der Aufenthalt in anderen Städten, Ländern, Kulturen für mich ein ganz wichtiger Teil meines Selbstverständnisses ist. Kein dickes Auto fahren, dafür Ramen in Tokio essen.

Das Go Asia und der schlicht „Asia Market“ genannte Laden auf dem Foto oben haben mir mit ihrer frischen Zutatenwelt und ihren gefrorenen Convenience-Produkten das Gefühl erhalten, doch immer ein bisschen unterwegs zu sein.

Takoyaki

Zum Beispiel mit diesem Essen, das tatsächlich erstaunlich authentisch funktioniert: Takoyaki. Teigbällchen mit Tintenfischfüllung aus der Tiefkühltruhe, heiß mit viel Wenden in der Pfanne gebraten. Dazu Okonomi-Sauce, Katsuobushi, Kewpie-Mayonnaise (Achtung, es gibt sie auch in der in den USA hergestellten Version; schmeckt nicht) und Nori-Streusel. Ja, das habe ich wirklich alles in Nürnberg vor Ort bekommen, in einem einzigen Einkauf.

2. delikatEssen

delikatEssen Nürnberg

Ein Ort, den ich eigentlich auch stets und ständig vermisse, ist die französische Epicerie. Oder ihr jeweiliges regionales Pendant. Genau so ein Ort ist das delikatEssen in der Nürnberger Altstadt. Ich habe hier schon die Rouille von Azais-Polito bekommen, den Kvevri-Wein von Manfred Rothe, den Silvaner von Christian Ehrlich, die Gewürzkreationen von Ingo Holland. Und immer freundlich und persönlich beraten. Ihr könnt euch also vorstellen, welche Art von Laden das ist.

3. Tafelzier

Tafelzier

Vor einiger Zeit stimmte man ja gelegentlich ein Lied an, das besagte, dass es nur einen Rudi Völler gebe. So ähnlich verhält es sich hiermit. Ich wage zu behaupten, dass es in Nürnberg nur eine Pâtisserie gibt, die diese Bezeichnung wirklich verdient – und das ist das Tafelzier. Brioche Nantaise, die unvermeidlichen Macarons und natürlich die wunderbaren kleinen Kuchenstückchen. Zum Verschenken und für den Eigenverzehr. Ein paar Weine und andere Delikatessen haben sie auch. Das Tafelzier gibt es erst seit 2017, und man kann sich schon fragen, wie es die Lebkuchenstadt Nürnberg so lange ohne die wirklich feinen süßen Dinge aushalten konnte.

4. Weinstelle

Weinstelle alt Nürnberg

Die Weinstelle hat im Laufe ihres Lebens schon mehrmals Ort und Ausprägung gewechselt. Auf dem Foto oben seht ihr die Ausgabe „schnuckelige Weinbar in der Radbrunnengasse“, also fast oben an der Nürnberger Burg. Leider hat unsere Pandemie es unmöglich gemacht, diesen Ort aufrecht zu erhalten, denn dann hätte Florian maximal vier Leute hereinlassen dürfen. Wenn diese dann nicht kräftig einen völlig überteuerten Dom Pérignon auf ex trinken sollten, ist das kein wirtschaftliches Konzept. Und Dompi gibt es nun einmal nicht in der Weinstelle, sondern wunderbar individuelle und manchmal sogar richtig wilde Weine aus Franken, Frankreich und von anderswo.

Mittlerweile hat die Weinstelle in der Bleichstraße an der Rosenau ihre neue Heimat gefunden, und zwar als Take-Away-Konzept. Immer noch und immer wieder top natürlich die Weine. Und die Seele des Ganzen, das Kontinuum, ortswechsel-resistent, der liebe Florian.

5. K&U-Weinhalle

K&U Weinhandlung Nürnberg

Da wir schon einmal bei Wein sind, für den ich mich tatsächlich ein wenig interessiere, hier noch die drei Weinhandlungen in Nürnberg, deren Besuch sich sehr lohnt. Die K&U-Weinhalle im Nordostpark kannte ich schon, bevor ich überhaupt etwas mit Nürnberg zu tun hatte. Wegen des damals schon beeindruckenden Angebots im Internet, vor allem aber natürlich wegen der legendären Hausmessen. Nicht wenige von euch dürften auch einmal dort gewesen sein und haben ebenso legendäre Winzer wie Jim Clenenden, Stéphane Tissot oder auch die Löwensteins live & in action erleben können.

Der Standort ist für jemanden, der in Nürnberg wohnt und sich beim Stadtbummel gern nochmal ein Fläschchen für den Abend mitnehmen möchte, natürlich völlig außer Reichweite. Aber da das Ladengeschäft derzeit weiterhin geschlossen hat, ist das nicht so schlimm. Auf der Homepage kann man nämlich gut und gern zwei Stündchen verweilen und muss dank des großartigen Angebots anschließend den Warenkorb nur noch radikal zusammenstreichen.

6. Karl Kerler Weinhandel

Karl Kerler Weinhandel Nürnberg

Auch die zweite Weinhandlung, die ich in Nürnberg vermissen werde, ist online sehr gut aufgestellt. Und ebenso wenig mit einem schnieken Laden in der Fußgängerzone vertreten. Karl Kerler spricht vielleicht ein bisschen weniger offensiv über Wein, Winzer und die Weltpolitik als Martin Kössler. Aber auch hier ist es mir nie gelungen, mit leeren Händen wieder zu gehen. Es gibt nämlich neben der großen Auswahl an feinen Trinkweinen auch ein paar Exklusivitäten, die man am besten gar nicht weitersagt.

Nicht gelesen habt ihr deshalb von der unglaublich fair bepreisten Range von Daniel Bouland, einem der zweifellos besten Beaujolais-Winzer. Und auch dass hier zuverlässig der neue Jahrgang vom Hofgut Falkenstein eintrifft, möchte ich keinesfalls erwähnen. Das Weingut roterfaden kennt ihr zum Glück noch gar nicht.

7. Pinot Weinhandel

Pinot Weinhandlung Nürnberg

Dritte Weinhandlung in Nürnberg, die ich vermissen werde, der Pinot Weinhandel in der Nordstadt. Das ist das einzige Weingeschäft, das sich auch relativ bequem per U-Bahn erreichen lässt (Friedrich-Ebert-Platz). Als einer der ersten Läden überhaupt haben sie das Potenzial in den Weinen von Jens Heinemeyer a.k.a. Solveigs erkannt. Und die feinen Schätzchen von Bastian Hamdorf gibt es anderswo auch kaum. Sehr interessant finde ich die Weine von Grosjean aus dem alpinen Aostatal. Und der ungeschwefelte Nordrhône-Rote von Franck Balthazar war vor vielen Jahren (am Fluss selbst probiert) ein echtes Aha-Erlebnis für mich: „Man kann auch Naturwein auf Top-Niveau machen!“

8. Die Stieglitze vor dem Fenster

Stieglitz

Wie ihr unschwer an Überschrift und Foto erkennen könnt, driften wir jetzt in die sehr persönliche Welt ab. Das echte Vermissen bezieht sich ja nicht nur auf schöne Geschäfte, sondern vor allem auf die Dinge des Alltags.

Eine der letzten Kraftanstrengungen der Stadt Nürnberg, um doch noch zu Europas Kulturhauptstadt 2025 ernannt zu werden, war das Pflanzen von Bäumen in innenstadtnahen Häuserschluchtstraßen. Wir schreiben das Frühjahr 2020, Corona hatte gerade angefangen, alles war wie ausgestorben. Und dann geschah das große Wunder des Ostermontags: Ein kleiner Schwarm Stieglitze flog durch die Straßen, und zwei von ihnen beschlossen doch tatsächlich, in dem winzigen, gerade angepflanzten Bäumchen ein Nest zu bauen. Das steckt natürlich voller Symbolik. Selbst mit kleinen Handlungen kann man Veränderungsprozesse in Gang setzen. Auch solche mit unerwartetem Verlauf. Seitdem sind jedenfalls die Stieglitze immer wieder zu sehen gewesen, und ich habe geschätzt 100 Stieglitzfotos aus dem Fenster gemacht.

9. Die Subhirtella

Prunus subhirtella autumnalis

Prunus subhirtella autumnalis – das ist der korrekte Name für die japanische Winterkirsche. Im Oktober blüht ein Exemplar davon immer im Shinjuku Gyoen in Tokio (wo wir gerade bei Sehnsüchten sind), und wir kennen uns seit meinem ersten Tokio-Besuch 2013. Unglaublicherweise gibt es von genau dieser Art auch ein Exemplar in Nürnberg, und zwar im Hummelsteiner Park im Süden der Stadt. Deshalb – und auch, weil es der einzige erreichbare Park der Gegend war – haben wir ihn intern immer „den kleinen Gyoen“ genannt.

Die Subhirtella im kleinen Gyoen blüht tatsächlich im November und Dezember. Vorausgesetzt, die Witterung bleibt entsprechend mild. Aber selbst wenn es keine Winterblüte gibt, ist die Subhirtella immer sehr früh dran. Hier seht ihr ein Foto vom 28. Februar 2020. Eigentlich ist es nur ein schlanker, unauffälliger Baum. Aber einer, der meine Parkrunden auch im Winter versüßt.

10. Die Hochfläche

Hochfläche

Schließlich kommt hier noch die Nummer zehn, die im Prinzip gar nichts mit Nürnberg selbst zu tun hat. Die Hochfläche ist nämlich eine große, mit Feldern bestandene Lichtung inmitten eines Waldgebiets. Genauer gesagt zwischen Schwimbach, Dixenhausen und Aue im Landkreis Roth. Wenn man zügig geht, hat man die Hochfläche entlang des Waldrands in einer Stunde umwandert. Aber man kann auch viel länger dafür brauchen. Vor allem dann, wenn man sehr oft in regelmäßigen Abständen da ist und den Wandel der Jahreszeiten an ganz vielen bekannten Ecken nachvollziehen kann. Oder wenn man Schmetterlinge fotografieren möchte, die ja auch nur ganz bestimmte Flugzeiten haben.

Ich war in den letzten Jahren genau 104mal dort. 100mal habe ich beispielsweise immer dieselbe Ecke zwischen zwei Feldern fotografiert, die Abfolge der Getreide, die Höhe des Grases. Einmal habe ich an einem gewittrigen Abend einen kleinen Fuchs auf seiner ersten eigenen Entdeckungstour getroffen. Menschen, so sie nicht säen, mähen oder ernten, sind dort kaum unterwegs. Es mag sich ein bisschen komisch anhören, wenn ich von Nürnberg ausgerechnet etwas vermisse, das nicht nur 45 Minuten entfernt liegt, sondern auch noch so ungroßstädtisch, vielleicht sogar austauschbar erscheint. Und doch ist es so. Weil die Hochfläche tatsächlich zum gewohntesten Ort für mich geworden ist. Zu einem Ort, der einen vertrauten Weg besitzt und trotzdem jedes Mal wieder Überraschungen bereithält.

Was bleibt von Nürnberg?

Vielleicht werdet ihr euch schon gefragt haben, wo denn die Nürnberger Restaurants geblieben sind. Schließlich gilt die Stadt mit ihren mittlerweile fünf Michelin-besternten Restaurants kulinarisch längst nicht mehr als unbedeutende Provinz. Aber, so überraschend diese Aussage auch sein mag, das Essigbrätlein ist nicht meine Stammkneipe geworden. Und ich wollte hier ja nur solche Orte aufführen, zu denen ich tatsächlich eine emotionale Bindung pflege.

Was von Nürnberg bleibt, sind tatsächlich nur ein paar kleine Unwiederbringlichkeiten wie die Stieglitze vor dem Fenster. Warum? Na, weil sich meine Veränderung gar nicht so Drama Queen-mäßig vollzogen hat, dass ich nie wieder in der Stadt sein würde. Mein neuer Wohnort heißt nämlich Bamberg. Das ist von Tür zu City gerade mal eine Stunde entfernt.

Und momentan, also nach den ersten drei Wochen in Oberfrankens mooiste, muss ich sagen, dass es sich zu einer echten Win-Win-Situation entwickelt hat. Ich brauche den Trubel nicht vor der Haustür, kann aber alle Orte, die ich oben vorgestellt habe, ohne Probleme besuchen. Außer vielleicht die Hochfläche.

Aber einmal im Jahr werde ich vermutlich den Wagemut besitzen, anderthalb Stunden auf der Autobahn zu fahren, um einen mir bekannten Hagebuttenstrauch wiederzusehen…

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7 Kommentare zu In eigener Sache – Abschied von Nürnberg

  1. Dann herzlich willkommen in den Gefilden der Bierdiversität! Zum Einstand ein paar diskrete wie auch ergänzungsoffene Hinweise: http://www.slowfood.de/slow_food_vor_ort/mainfranken_hohenlohe/nahrung_fuer_gedanken_2/genusskultur-unter-den-domtuermen-einladung-zu-einem-kulinarischen-rundgang-durch-bamberg-1 Wir treffen uns dann sicher mal irgendwo zwischen Pelikan, Liebold, Schlenkerla und Spezial. Sei willkommen! Andreas (Slow Food in der Region Bamberger Land) [email protected]

    • Matze sagt:

      Das tun wir! Ich wollte dir eigentlich schon vorab schreiben, aber nachdem ich jetzt den September gar nicht vor Ort war, wollte ich auch nicht übertreiben 😉 . Bis bald mal in echt!

      • Aus Fürth kommend habe ich mich während Studium tatsächlichin die Stadt hier verguckt, und dachte: Wenn es Beruf erlaubt versuchen wir (Familie) zu bleiben: Und es hat geklappt und wir haben ein nettes Haus in der Eisgrube gefunden. Beruflich, teils auch ehrenamtlich fahre ich jetzt zwar nach wie vor ein- bis zwei Mal die Woche nach Fürth (Leitung Welthaus) aber es ist ja echt nicht weit und so komm ich auch mal raus, denn den Rest der Woche häng ich hier nur am Schreibtisch rum (und blicke in den pittoresken Pfarrgarten der Oberen Pfarre). Vielleicht sehen wir uns ja online bei der Blau-Silvaner-Verkostung?
        http://www.slowfood.de/slow_food_vor_ort/mainfranken_hohenlohe/veranstaltungen-1/verkostung-blauer-silvaner Nette Grüße! Andreas

  2. Kormoranflug sagt:

    Was bewegt Dich nach Bamberg? Ein neuer Wein (lach)?

    • Matze sagt:

      Nein, hab den alten Wein mitgenommen 😉 . Aber im Ernst: die Schönheit der Stadt, mehr Platz, mehr Natur – und die nächsten „echten“ Weinberge in Unterhaid habe ich schon mit dem Fahrrad besucht…

  3. Sven sagt:

    Viel Glück und Danke für die immer guten Adressen. ( Ich habe auch einmal in Nürnberg gelebt ).
    Ich habe einen guten Weinhändler, VINISÜD in Erlangen vermisst. Die Frankreich Auswahl dort gefällt mir gut

    • Matze sagt:

      Gern geschehen! Und ja, Vinisüd hat wirklich ein tolles Programm. Ich kann mich unter anderem an Ganevat und Wasenhaus erinnern, die man woanders schwer bekommt. Aber Erlangen ist halt nicht Nürnberg 😉

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