VDP Große Gewächse 2018 – die Duelle

Berlin Hauptbahnhof Fensterputzer

Als ich aus meinem Hotel im Bahnhofsviertel gehe, sind die Fensterputzer schon am Werk. Großreinemachen für besseren Durchblick. Ich hoffe, dass ich am Ende des Tages einen ebenso klaren Blick habe, was den Weinjahrgang 2018 in Deutschland anbelangt. Nur falls ich es noch nicht erwähnt hatte: Ich bin in Berlin und war bereits gestern bei der VDP-Vinissage, auf der ich eine ganze Reihe spannender Weine verkosten konnte. Heute geht es mir ausschließlich um Große Gewächse. Und ich möchte sie im direkten Duell gegeneinander kennenlernen.

Der erste Unterschied zu gestern, als auch interessierte Weinfreund/innen die Veranstaltung besuchen durften, wartet gleich am Eingang: Es gibt diesmal Gläser von Zwiesel, für die ein doppelt so hoher Glaspfand fällig wird. Ich nehme mir also zwei davon, und los geht’s mit den ersten Paarungen.

Große Gewächse 2018 Riesling

VDP Größe Gewächse Berlin Weißwein

Paar 1: Morstein/Wittmann (Rheinhessen) vs. Hölle/Künstler (Rheingau)

Der Morstein zeigt eine sehr helle, traubige Nase, was natürlich nicht ungewöhnlich ist für einen so jungen Wein. Die Hölle besitzt ebenfalls noch sehr jugendliche, etwas gärige Noten. Im Mund zeigt der Morstein für mich hervorragende Anlagen: eine schön präsente, aber nicht spitze Säure und große Feinheit. Sehr klassisch, denn diese „Wittmann-Klassik“ ist mittlerweile tatsächlich eine solche. Die Hölle tut sich etwas schwerer, kommt milder, süßer und etwas unbeweglicher daher. Das höhere Süßegefühl kann natürlich vom Restzucker kommen, aber auch vom Glycerin. Das kann ich nur mutmaßen, denn ich kenne bei diesen „Duellen“ keinerlei Analysewerte und möchte die Weine bewusst ausschließlich geschmacklich wahrnehmen.

In diesem ersten Direktvergleich hat der Morstein für mich die Nase vorn, aber wie immer hat das auch etwas mit persönlichen Präferenzen zu tun. Ich mag oft die schlankeren Typen ein bisschen lieber – gerade in einem Bereich wie den Großen Gewächsen, dem es nie grundsätzlich an Stoffigkeit mangelt.

Paar 2: Röttgen/Knebel (Mosel) vs. Halenberg/Emrich-Schönleber (Nahe)

Den Röttgen hatte ich gestern schon getestet, aber ich dachte mir, sowas geht auch zweimal. Auch hier wieder eine sehr „junge“ Nase, hell und traubig. Der Halenberg hingegen zeigt in der Nase schon das, was ihn allgemein auszeichnet: keine Extreme, sehr dezent und ausgewogen. Im Mund ist der Röttgen dicht, würzig und kräftig, aber dennoch elegant. Der Halenberg besitzt ein etwas höheres Süßegefühl, ist aber enorm elegant und ausgewogen abgestimmt. Apfel, Zitrone, jetzt bereits überraschend zugänglich und irgendwie der Idealtyp des Klassisch-Eleganten.

Beide Weine besitzen überhaupt keine Bitter- oder Brandigkeits-Noten. Sie spielen für mich in derselben Liga, nur auf unterschiedlichen Positionen. Vielleicht mag ich den Röttgen ein ganz bisschen lieber, aber das könnte man auch komplett umgekehrt sehen. Sehr gute Weine jedenfalls.

Paar 3: Gips Marienglas/Aldinger (Württemberg) vs. Kalmit/Kranz (Pfalz)

Aldingers Marienglas bringt Württemberg mit ins Spiel. Wenig Primärfrucht, ein leichter Stinker gar und ein bisschen Holzgefühl. Der Kalmit hält sich in der Nase stärker zurück und tritt neutral-elegant auf. Im Mund sind dies Große Gewächse, die sehr unterschiedlich wirken. Das Marienglas zeigt eine kräftige Säure und kommt sehr straff daher, aber später stellt sich auch Cremigkeit ein. Der Kalmit wirkt weitaus milder und flächiger, ohne dass es an Säure fehlen würde. Aldinger geht für mich in seiner hellen Straffheit sogar ein bisschen in Richtung Chablis, während Kranz klassisch pfälzisch schmeckt, was in diesem Fall „südlicher“ bedeutet.

Nachdem schon Christoph die Weine aus dem Schwabenländle sehr gelobt hatte, möchte ich mir hiermit anschließen. Starke Leistung und ein interessanter Wein von Aldinger. Der Kalmit ist selbstverständlich keinesfalls schlecht, bleibt aber vom Ausdruck her ein bisschen dahinter zurück.

Paar 4: Gräfenberg/Weil (Rheingau) vs. Centgrafenberg/Fürst (Franken)

Der Gräfenberg hat in der Nase noch sehr stark apfelige, aber helle Noten. Der Centgrafenberg ist dezent, aber erscheint irgendwie dunkler angelegt, sehr mineralisch. Im Mund bleibt der Gräfenberg weiterhin hell und apfelig, holt jetzt aber noch eine sehr pikante Würze dazu. Der Centgrafenberg ist da vielleicht noch ein bisschen unfertig, aber man merkt eindeutig, dass dies der kargere, konsequentere, trockenere Typus ist.

Ich persönlich würde den Centgrafenberg bevorzugen, wie mir die Rieslinge aus dem Hause Fürst ehrlich gesagt fast immer sehr gut gefallen in ihrer Yōji Yamamoto-Art. Aber ob sich das erheblich auswirken würde, müsste ich jetzt Punkte als Orientierung für die gesamte Leserschaft verteilen? Bei Weinen, die am heutigen Tag herauskommen, ihren Höhepunkt jedoch in vielleicht acht Jahren erreichen? Nein, da bin ich schon sehr froh, dass ich mich nicht als Scharfrichter gerieren muss bei einer Materie, die doch ansonsten von Lebensfreude, Naturfreude, Kunstfreude, Handwerksfreude und Hedonismus geprägt ist.

Paar 5: Im Sonnenschein Ganz Horn/Rebholz (Pfalz) vs. Bockstein/Othegraven (Saar)

Diese beiden Weine hatte ich ebenfalls gestern schon getestet, aber in weitem zeitlichen Abstand zueinander. Dabei waren sie mir beide als echte Charakterköpfe aufgefallen, weshalb ich sie jetzt noch einmal zusammen probieren wollte. Der Ganz Horn ist in der Nase hell und dezent, während der Bockstein hier schon weitaus dunklere Noten zeigt.

Ah, nur nebenbei: Falls das jemand unverständlich finden sollte, was ich mit „hell“ oder „dunkel“ meine: Hell sind weiße Blüten, heller Birnensaft, ein Golden Delicious, ein kreidiger Boden, ein Wein im Sopran sozusagen. Dunkel sind Malz, Mango und ein Basaltboden, was dann eher einer Altstimme entspricht. Aber kein Bass, denn wir sind ja hier bei Weißwein. Das mag sich vielleicht ein bisschen arg assoziativ anhören. Ich finde aber, dass man mit solchen Begriffen eine zusätzliche Komponente mit hineinbringen kann, die den Wein ein bisschen fassbarer macht. Jedenfalls für mich.

Allerdings funktioniert (ich schweife ganz kurz ab) so etwas nicht überall gleichermaßen. Ich hatte ja mein WSET 3-Zertifikat in Hong Kong gemacht, und ein Großteil der Student/innen kam aus Mainland China. Dadurch, dass sie mit völlig anderen Geschmäckern und gedanklichen Assoziationen aufgewachsen sind als ich hier in Mitteleuropa, hätten wir rein assoziativ die Weine komplett unterschiedlich beschrieben, und zwar so, dass der/die jeweils andere es nicht versteht. Wenn ich von „warmem Apfelkuchen“ spreche und mein Gegenüber vom Geruch an einem bestimmten chinesischen Feiertag, ist das zwar wunderbar poetisch, aber eben auch limitierend. Deshalb ist es schon ganz vernünftig, dass wir dann stattdessen nach WSET-Manier brav „Floral, Zitrone, Grapefruit“ in unsere Verkostungsbögen getippt haben.

Aber zurück zu den beiden Weinen: Sie befinden sich an entgegengesetzten Enden des derzeitigen VDP-Möglichkeitsspektrums. Der Ganz Horn ist enorm salzig, hellmineralisch, mundwässernd, krass karg, während der Bockstein phenolisch, apfelschalig und dunkelmineralisch wirkt. Beide sind richtig trocken und sehr interessant. Ich persönlich mag den Rebholz-Wein ein bisschen lieber, aber ich sagte ja schon, dass ihr euch davon nicht irritieren lassen solltet.

Paar 6: Schwarzer Herrgott/Battenfeld-Spanier (Rheinhessen) vs. Verrenberg/Hohenlohe (Württemberg)

Die Zellertaler Lagen (und die Weine aus ihnen) waren ja relativ lange Zeit eher unbekannt, schwingen sich aber neuerdings zum Superstarstatus auf. Hans-Oliver Spaniers Schwarzer Herrgott ist sicher der bekannteste Wein von hier. In der Nase zeigt er sich hell, karg und rauchig mit einer leichten Reduktionsnote. Der Verrenberger Verrenberg aus dem Norden Württembergs hingegen ist definitiv keine der Lagen für Große Gewächse, die man überall kennt. Im Alleinbesitz des Fürstenhauses Hohenlohe befindlich, kann man sie aber relativ problemlos mit nur einem kleinen Schlenker von der A6 aus erreichen. Der Hohenlohe’sche Wein ist in der Nase derzeit noch ein bisschen unfertig mit einem leichten Gärstinker. Sollte zukünftig kein Problem darstellen.

Der Schwarze Herrgott ist für mich immer der Inbegriff karger Mineralik gewesen. Nun ändert sich das mit dem heutigen Tag nicht wesentlich, denn die Säure steht, der Wein ist straff und mit Wänden wie von Mies von der Rohe. Aber der Rebholz im Paar davor war tatsächlich noch salziger und strenger. Aber typmäßig ähneln sie sich schon. Der Verrenberg hingegen spielt die Rolle wie vorhin Kranz‘ Kalmit. Das ist ein schöner, glatter und flächiger Wein, aber dann doch weniger special als der Spanier-Wein.

Paar 7: Liebfrauenmorgen Kirchenstück/Gutzler (Rheinhessen) vs. Heerkretz/Wagner-Stempel (Rheinhessen)

Zum Abschluss der Rieslinge noch zweimal Rheinhessen, und das ist kein Zufall. Es gibt hier einfach momentan eine ganze Reihe von Weingütern, die irgendwie dabei sind, an einer Benchmark für das deutsche GG zu zimmern. Gutzlers Wormser Riesling überrascht mich in der Nase: recht intensiv, und zwar enorm floral und hellduftig. Die Heerkretz ist dagegen deutlich verschlossener. Im Mund besitzt sie noch leicht Gärkohlensäure und eine mineralisch-karge Art, die aber anders wirkt als bei Rebholz oder Battenfeld-Spanier. Vielmehr ist die Heerkretz komplett „unspitz“, also ohne gleißenden Ton, ohne Kopfstimme. Das Kirchenstück bleibt seinem Naseneindruck treu. Es gibt erst einmal eine kräftige Säure, dann aber ganz viel Florales, viele Blüten – ein sehr schöner Wein, der Beschwingtkeit ausstrahlt wie ein leichtes Sommerkleid.

Wenn ihr mich jetzt fragt, welchen Wein ich bevorzugen würde, dann wäre es derzeit sicher der Gutzler. Aber ich kenne und mag den Stil der Wagner-Stempel-Weine auch sehr. Spätestens seit der großen Heerkretz-Vertikale von 2002-2013 bin ich überzeugt davon, dass die Weine sich sehr gut entwickeln.Und – das hatte mir bei der Weinprobe seinerzeit vielleicht sogar am besten gefallen – sie besitzen unheimlich viel Jahrgangscharakter, den Daniel Wagner nicht herausradiert. Ein gelungener Abschluss jedenfalls.

Andere Rieslinge, die mir gefallen haben

Christmanns Meerspinne im Mandelgarten ist ein Fest für Purismusfreunde, während sein Versteigerungswein aus der Kapelle noch (zu recht) viel Zeit braucht. Bei Clemens Busch fand ich die Marienburg diesmal etwas zu mild und stark, was interessanterweise beim Rothenpfad nicht der Fall war. Auch das sind natürlich Lagerweine, an denen man sich so richtig erst in einigen Jahren erfreuen kann. Die Oetinger-GGs sind alle drei sehr unterschiedlich, wobei mich der Marcobrunn in seiner gleißenden Trauben-Puderzucker-Art (aber ohne die Süße des Zuckers) tatsächlich an den Bockstein von Van Volxem erinnerte. Zum Beweis dafür, wie unterschiedlich man Lagen interpretieren kann, kam dann noch der Bockstein von Zilliken im Hausstil daher, was bedeutet: sehr fein, viel Säure, helle Zitrusfrüchte. Da war die Rausch sogar deutlich cremiger.

Von Buhl hatte den Pechstein aus 2017 angestellt, ein pfälzischer Idealtyp in seiner schmelzig-gelben Saftigkeit – und die dichtere Materie schluckt das Holz meiner Meinung nach auch besser als der Jesuitengarten aus demselben Haus. Bürklin-Wolf ist irgendwie die Zuverlässigkeit in Weinperson: Wer den ruhig-cremigen Stil mag, dem gefällt eigentlich jeder Wein aus jedem Jahrgang. Die Weine von Rainer Schnaitmann sind hingegen bestens geeignet für Freunde der Abwechslung: Jeder Wein ist hier individuell und eine eigene kleine Welt, aber immer auf hohem Niveau. Peter Jakob Kühn hatte seine 2017er Hochkaräter dabei. Neu im Portfolio die Jungfer mit kräftiger Säure und gelbem Saft, zugänglicher als der Doosberg und sehr reif.

Meine eigentlichen Lieblinge befanden sich aber eine Stufe darunter, weil sie den Stil der großen Winzer schon super transportieren, man auf sie aber nicht so lang warten muss wie auf Große Gewächse. Ich sage nur: Kühns Hendelberg 2017 (gelbfleischig, enorm aromatisch), Rebholz‘ Frankweiler Biengarten (die straffe Salzigkeit ist schon voll da), Knolls Würzburger Innere Leiste (pikanter Muschelkalk), Knebels Von den Terrassen (kräftig und offen) und Heymann-Löwensteins Schieferterrassen (Säure und Power).

Große Gewächse 2018 Silvaner

VDP Große Gewächse Berlin

Silvaner als Große Gewächse sind eine schwierige Materie, ebenso wie Weißburgunder. Nun ist uns Weinliebhabern ja klar, dass man aus diesen Rebsorten hervorragende Trinkweine machen kann, die zu den allermeisten Speisen wesentlich besser passen als junge Rieslinge. Aber Grands Crus, die noble Speerspitze der deutschen Weinwelt? Da werden ehrlich gesagt viele Interpretationen diesem Anspruch nicht wirklich gerecht, weil sie in der Regel einfach breiter (im Falle von Silvaner) oder holzbetonter (im Falle von Weißburgunder) daherkommen als ihre trinkigeren Kumpane. Dennoch: Beim Internationalen Silvanerpreis hat mir die Sonderkategorie „Solitär“ die Augen geöffnet, zu was Silvaner eigentlich fähig ist. Und wer in Franken lebt, muss Silvaner eh mögen.

Paar 8: Rothlauf/May (Franken) vs. Hohe Gräte/Lützkendorf (Saale-Unstrut)

Der 15. September 2018 war der letzte Lesetag im Hause May, und diesen Ansatz spürt man auch beim Rothlauf. Verschlossen und komplett ohne Primärfrucht in der Nase, am Gaumen dann aber durchaus mit Säure, sehr ausgewogen und vor allem wirklich elegant. Ein schöner Wein. Uwe Lützkendorf schätzt es hingegen ein bisschen kräftiger, und so ist die Hohe Gräte reifer, offener und mit viel gelber Frucht in der Nase ausgestattet. Am Gaumen kommt dann etwas, das ich den „Lützkendorf-Stil“ nenne. Der Wein ist gelb, reif und stark, gleichzeitig blumig und erdig und besitzt irgendwie einen leicht weirden Keuper-Charakter. Diese Weine brauchen viel Zeit und Luft, dann belohnen sie die Geduldigen.

Beide Weine sind wirklich schön und wirklich unterschiedlich. Rein stilistisch mag ich den eleganten Stil von Rudolf May vielleicht ein bisschen lieber, aber (nachdem ich schon mit Genuss einige ältere Lützkendorf-Weine getrunken habe) die Hohe Gräte sollte man nie, aber wirklich nie unterschätzen.

Paar 9: Stein (Stetten)/Knoll (Franken) vs. Am Lumpen/Horst Sauer (Franken)

Zweimal Franken, zweimal Muschelkalk, aber zweimal komplett unterschiedliche Ansätze. Der Stettener Stein von Ludwig und Sandra Knoll ist in der Nase erst einmal typisch muschelkalkig hellmineralisch. Ein bisschen spüre ich auch frisch angeschnittene Champignons (nicht fehlerhaft oder botrytisartig, sondern hell-umami). Im Mund ist der Wein sehr fein bei deutlicher Säure und einem leichten Holztouch. Stilistisch geht er in die Richtung von Rudolf Mays Rothlauf mit seiner Eleganz, ist aber etwas pikanter. Sandra Sauer hingegen holt aus dem perfekt halbrunden Hang bei Escherndorf einen Wein, der deutlich fruchtig-birniger in der Nase ist. Am Gaumen wird das konsequent fortgeführt mit viel Saft, Birne und Banane. Der Wein ist deutlich offener und milder als die Knoll’sche Interpretation, unmittelbar ansprechend.

Wer jetzt was bevorzugt, muss jede/r für sich entscheiden. Ich – ihr könnt es euch denken – neige eher zur schlankeren Variante, aber wer die Sauer-Weine nicht doch auf irgendeine Weise „lecker“ findet, dem ist auch nicht mehr zu helfen.

Große Gewächse 2017 Spätburgunder

VDP Große Gewächse Berlin Rotwein

Wenn ich hier nur ein einzige Pärchen der Großen Gewächse aus Spätburgunder vorstelle, dann ist das in der Tat mau. Aber irgendwo musste ich mich ein bisschen limitieren und habe deshalb weitaus mehr Weißwein als Rotwein probiert. Das kann aber auch mit der erstaunlichen Spätsommerhitze in der Stadt zusammenhängen. Ich gelobe also hiermit, bei der nächsten Winterveranstaltung die deutschen Rotweine stärker zu beachten.

Paar 10: Schlossberg (Hecklingen)/Huber (Baden) vs. Schlossberg (Klingenberg)/Baltes (Franken)

Schlossberg gegen Schlossberg, und ich hätte munter auch noch ein paar ganz andere Schlossberge dagegen aufstellen können. Wäre ich VDP-König, würde ich sagen, „das muss doch nicht sein; ein Name, eine Lage“. Aber gut, vielleicht sind die Namen der Winzer für die meisten Weinkäufer auch wichtiger als die Lagennamen. Julian Huber aus Baden trägt nun wahrhaftig einen wichtigen Nachnamen für die deutsche Rotweinhistorie. Das ist bei Benjamin Baltes sicher noch ein bisschen anders. Aber wer einmal die spektakulären Terrassen im Klingenberger Schlossberg oder auch im Großheubacher Bischofsberg gesehen hat, wird sicher zustimmen, dass dies ideale Orte für großartige Weine sind.

Hubers Schlossberg duftet feinfruchtig und nach viel roter Johannisbeere. Baltes‘ Schlossberg hingegen bietet die von Christoph so gern und treffend beschriebenen Knallplättchen nebst gärigen Anklängen. Im Mund ist der Schlossberg von Julian Huber weiterhin sehr johannisbeerig mit deutlich vorhandener Säure. Ansonsten wirkt der Wein eher luftig in leichterem Stil. Da niemand vernünftigerweise jetzt Große Gewächse aufmacht (obwohl ich befürchte, dass es dennoch einige tun werden), ist es in diesem Kontext nicht weiter wild, dass sich der Baltes-Schlossberg auch im Mund unfertig zeigt. Dahinter lugen nämlich schon dunkelrote Noten hervor und ein recht herzhaftes Tannin. Eleganter ist der badische Schlossberg auf jeden Fall und wird das aller Voraussicht nach auch immer bleiben. Zu breit sind beide Weine übrigens nicht, aber es handelt sich ja auch um zwei Weingüter, die ihre Großen Gewächse noch nie in die Überreife-Falle manch anderer Weingüter haben tappen lassen.

Große Gewächse 2017 Lemberger

Klammheimlich und unbemerkt schleichen sich die blaufränkischen Lemberger an die Spitze deutscher Rotweine. Nur einige Spätburgunder können da noch mithalten. Vor allem in heißen Jahrgängen wird deutlich (finde ich zumindest), dass die Burgenland-Geschöpfe im Laufe ihres genetischen Daseins schon ein paar mehr kontinentale Hitzewellen überstanden haben, ohne nach Rumtopf zu schmecken.

Paar 11: Berge/Haidle (Württemberg) vs. Lämmler/Schnaitmann (Württemberg)

Ohne es zu wissen, habe ich von Moritz Haidle den Lemberger aus der wärmsten Lage ausgewählt. Obwohl es „Berge“ heißt, ist das Gewann im Stettener Mönchberg in Wirklichkeit sandsteinig und warm, zudem direkt nach Süden ausgerichtet. Die Reife sieht man dem sehr dunkelfarbenen Wein bereits an. Die Nase ist dann auch tief brombeerig und sehr reif. Schnaitmanns Lämmler erscheint dagegen deutlich heller in Farbe und Aroma; erst nach Johannisbeere, später dann auch nach Brombeere und Schwarzkirsche. Der große Unterschied kommt dann aber im Mund. Die Haidle-Berge sind sehr frucht- und säurebetont, viel Sauerkirsche, viel Haltbarkeit. Der Lämmler wirkt dagegen viel luftiger, sehr kräuterig, trockener und spröder. Ein bisschen vielleicht wie ein Cabernet Franc aus Bourgueil.

Beide Weine gefallen mir, und weil das so ist und ich im Verlauf dieses Jahres bereits einige sehr schöne Lemberger getrunken habe, sollte ich vielleicht diese Weine nicht nur auf Messen testen, sondern auch einmal tatsächlich in den Keller legen. Wer denn unbedingt Große Gewächse aus roten Trauben jetzt schon trinken möchte, wird bei Fruchtvorliebe eher den Haidle mögen, während der Schnaitmann vermutlich bei Speisenbegleitung ein bisschen vielseitiger ist.

Der Versuch eines kurzen Fazits

Große Gewächse aus dem Jahrgang 2018, wie sieht es mit euch aus? Zunächst einmal muss ich zugeben, dass ich in Anbetracht der extremen Witterungsbedingungen nie glauben konnte, dass ausgerechnet dies ein übergroßer Jahrgang sein soll. Das wäre doch auch grotesk, oder? Wir haben Rebsorten und Anbaumethoden, die auf gemäßigte Klimate ausgerichtet sind, und dann kommt ein mediterraner Sommer daher (aber wirklich wie in Südfrankreich), und alles soll viel besser sein als sonst? 34 Tage über 30°C, in vier Monaten nur fünf Tage mit mehr als 4 mm Niederschlag (das sind Werte aus Würzburg), das soll gut sein? Nein, beim besten Willen.

Allerdings ist es ja nicht so, dass Weine nur aus einer Opferhaltung gegenüber den äußeren Bedingungen entstehen, sondern die Winzerinnen und Winzer können auch entsprechend intervenieren. Hätten sie das nicht getan, wir hätten ausschließlich überreife, alkoholbrandige Weine aus dem Jahrgang 2018 zu trinken. Das ist aber nicht der Fall, und ich muss zugeben, dass ich eher positiv überrascht war von der Ausgewogenheit vieler GGs, die ich an den zwei Tagen in Berlin probieren konnte.

Natürlich, ich spreche hier nicht von sehnigen Gesellen, gegen die jeder Teller im Noma noch wollüstig wirkt. Aber, und das ist als Kompliment gemeint, es hätte weitaus schlimmer werden können. Dabei habe ich ehrlich gesagt schon erschreckend viele „einfachere“ Weine aus 2018 probiert, die schwer und brandig daherkamen. Es gibt sie also.

Große Gewächse machen sich meiner Meinung nach dagegen tatsächlich deutlich besser. Das liegt zum einen möglicherweise an der dichteren Materie, die auch ein „bisschen“ mehr Alkohol durchaus schlucken kann. Es liegt aber vielleicht auch daran, dass es nicht wenige Winzer gibt, die ihre hochwertigsten Partien zuerst gelesen haben. Damit sind die nominell größten Weine manchmal tatsächlich auch die frischesten. Irgendwie interessant. Und vielleicht auch ein Ausblick auf die deutsche Weinwelt der Zukunft…

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