Adelfränkisch aus Versuchsanbau – A star is born

Adelfränkisch LWG Veitshöchheim

Eigentlich hatte ich ja gedacht, ich würde nach der ganzen Frankenwein-Konzentration zunächst bei der VDP-Weinbörse und dann beim Best of Gold erst einmal nicht mehr über Frankenwein schreiben. Zur Erholung für euch natürlich, nicht für mich, denn Frühjahr ist ja Silvaner-Zeit. Aber als ich gestern diese Flasche aus dem Keller geholt und geöffnet hatte, da war es um das „eigentlich“ geschehen. Adelfränkisch! Und was für ein Burner! – um mal mit Fachbegriffen zu hantieren.

Historische Rebsorten

Historische Rebsorten

Aus der großartigen Probe historischer Rebsorten im Jahr 2015 (Foto oben) hatte ich die Flasche mitgenommen. Weil es ja immer mal Flaschenvariationen geben kann, hatte Josef Engelhart von der LWG Veitshöchheim zwei Flaschen seines Adelfränkisch mitgebracht. Am Ende des Abends, der Wein hatte uns gut gefallen, war eine Flasche noch übrig. Niemand schien sie haben zu wollen, also meinte Organisator Thomas Riedl, „ach, nimm die doch einfach mit“. Gesagt, getan, in den Keller gelegt und für die nächsten vier Jahre vergessen. Obwohl, so richtig vergessen nicht, denn gerade erst im Februar dieses Jahres hatte ich den 2016er bei der großen Slowfood-Probe Alter Sätze in Würzburg wieder probieren können. Da dachte ich mir, jetzt wäre es doch bald mal an der Zeit, meinen 2011er zu öffnen.

Adelfränkisch im Würzburger Pfaffenberg

Würzburger Pfaffenberg

Auf dem Foto seht ihr einen Teil des Würzburger Pfaffenbergs, von der Westseite des Würzburger Steins aus gesehen. Das Foto habe ich gerade vor ein paar Tagen beim Best of Gold gemacht. Die LWG ist ausgeschrieben die Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau, an der in Theorie und Praxis die künftigen Weinbautechniker/innen ausgebildet werden. Aus diesem Grund gibt es nicht nur Versuchsweinberge mit „gewöhnlichen“ Sorten wie Silvaner und Müller-Thurgau, sondern auch solche, die einstmals im Land weit verbreitet waren, mittlerweile aber nur durch großes Engagement vor dem Aussterben bewahrt werden konnten. Eine dieser Rebsorten ist der Adelfränkisch, von dem – soweit jedenfalls meine Informationen – im Jahr 1995 im Pfaffenberg 50 Stöcke gepflanzt worden waren. Die daraus entstehenden Weine kommen nicht in den Verkauf, sondern dienen einerseits der Erbauung und andererseits vielleicht auch der Anregung, falls sich ein Winzer entschließen sollte, es mal mit dieser historischen Rebsorte zu versuchen.

Adelfränkisch reift nicht nur spät aus, sondern bildet sowohl viel Zucker als auch viel Säure in seinen Beeren. Werte von 100° Oechsle sind die Norm, gepuffert von um die 10 g Säure. Mit diesen Eigenschaften neigen die wenigen Winzer, die daraus schon einen Wein bereitet haben (die Reiser werden von der Rebschule Martin angeboten), dazu, die Rebsorte mit ein bisschen Restsüße abzusoften.

Hildegard von Bingen wusste übrigens bereits, was Sache ist mit dem edlen Franken, empfahl sie doch, ihn wegen seiner Stärke lieber mit Wasser zu verdünnen. Die LWG hingegen empfiehlt zwar kein Wasser, aber doch andere Rebsorten im Mischsatz, weil der Adelfränkisch bei schlechtem Blühwetter zur Verrieselung neigt.

Die Probe

Adelfränkisch LWG Veitshöchheim

Nichts von den empfohlenen Dingen gibt es allerdings bei diesem Wein. Er ist reinsortig, unverdünnt und knackig-expressiv gehalten: 8,8 g Säure bei 3,1 g Restzucker und durchaus mächtigen 13,7 vol% Alkohol. Farblich ist das (in der WSET-Terminologie) zwischen deep lemon und pale gold anzusiedeln, weil es bei aller Farbstärke ein paar minimal orangefarbene Reflexe gibt. Die Flasche ist nicht gerade luxuriös verschraubt, da natürlich nicht für eine längere Lagerung gedacht. Ein bisschen Angst vor Oxidation habe ich also schon.

In der Nase macht sich das aber kaum bemerkbar. Bienenwachs, Küchenkräuter, Quitte, gelber Apfel, null aufdringlich und – wenn ich das so sagen darf – eher nicht deutsch. Ich fühle mich an gereifte Weine aus Savoyen erinnert (Chignin-Bergeron), ein bisschen vielleicht auch an Chenin von der Loire.

Am Gaumen haut mich der Wein schlichtweg um, und das ist auch der Grund, weshalb ich diesen Artikel hier schreibe. Ich neige sonst gar nicht so zu Superlativen, aber wenn ihr diesen Wein in diesem Zustand probieren könntet, würdet ihr mir zustimmen. Garantiert. Okay, ein bisschen viel Konditional, zugegeben.

Sehr dicht ist der Wein, eine gehobene Viskosität. Zu den Noten aus der Nase gesellen sich jetzt mehr gelbe Früchte, vor allem eine feine Aprikose, die das Ganze unheimlich attraktiv macht. Neben der sehr reifen, weichen, samtigen Frucht knallt die hohe Säure umso mehr. Ich gebe dem Wein Luft und ein bisschen Wärme, und er beginnt sich zu entfalten, zu harmonisieren in den langen Abgang hinein. Der Alkohol ist dabei viel weniger spürbar als gedacht, weil das Gerüst weiterhin steht. Dies ist ein großartiges, intensives, etwas wildes, ungeschliffenes Werk, wie ich es auf diese Art schon lange nicht mehr probiert habe.

Zukunft geplant

Wenn ihr mich fragt, ist Adelfränkisch eine Rebsorte, um die sich am besten Winzer kümmern sollten, die Weinen ihre Freiheiten lassen. Es ist genau dieses Ungestüme im Jungwein, diese Kombination aus Kraft, Frucht und Säure, die ein langes Leben verspricht. Schleife ich das irgendwie ab, schwindet der Charakter zwangsläufig im selben Maße.

Irgendwie habe ich deshalb das Gefühl, dass sich der fehlende ökonomische Druck bei den Veitshöchheimern sehr positiv ausgewirkt hat. Dieser Wein musste nicht drei Monate nach der Abfüllung schon gefällig sein, und er ist es vermutlich auch nach drei Jahren noch nicht gewesen. Natürlich weiß ich nicht, ob sich die anderen Adelfränkisch-Jahrgänge der LWG ähnlich entwickeln werden. Insofern ist meine Einschätzung ein bisschen das, was man in den Sozialwissenschaften als „anekdotische Evidenz“ bezeichnet. Zu einzelfallig, um verallgemeinert werden zu können. Aber dadurch, dass dieser eine großartige Wein existiert, weiß ich zumindest, dass es prinzipiell geht.

Wenn man den Kunden irgendwie vermitteln kann, dass ein Adelfränkisch ein individueller, hochklassiger Lagerwein ist, dann sehe ich hier ein richtig großes Potenzial. Der Name macht ja eigentlich etwas her. Und wer weiß, vielleicht gibt es in 15 Jahren dann so etwas wie den berühmten „Schloss Castell Adelfränkisch“. Das hätte doch was. A star is born

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8 Kommentare zu Adelfränkisch aus Versuchsanbau – A star is born

  1. Thomas Riedl sagt:

    Hallo Matthias,

    ich war mir sicher, dass die Flasche bei Dir in den richtigen Händen ist und danke Dir für Deinen schönen Bericht und Deine Begeisterung.
    Ja! Das ist Adelfränkisch!
    Ich hatte die Gelegenheit, schon mehrere Weine aus der Sorte zu verkosten und alle waren sehr gut. Ich warte aber auch noch darauf dass ein/e Winzer/in die Sorte mal wirklich ausreizt wie z.B. Knipsers den Gelben Orléans oder Heiner Sauer den Grünfränkisch. Mit dem Grünen Adelfränkisch ließe sich viel machen, weil die Sorte ein irres Potential hat.

    Liebe entdeckungsfreudige Weinfreundinnen und -freunde,
    buy it, taste it, love it! Adelfränkisch wird inzwischen wieder an- und ausgebaut bei:

    Weinhof Schmitt, Münster-Sarmsheim
    Weingut Schloss Reinhartshausen, Eltville
    Weingut Böhm, Wörrstadt
    Max Ferd. Richter, Mülheim/Mosel

    Siehe auch: https://historische-rebsorten.de/rebsorte/gruener-adelfraenkisch/

    Herzliche Grüße

    Thomas Riedl

    • Fred Ruppert sagt:

      Den Adelfränkisch gibt es auch in Franken. In 2018 konnten wir 300 Liter reinsortig ausbauen. Die Lage kennen (noch) nur Insider (nur 2 ha im Naturpark Seigerwald zu 100% Bio) und hat zusätzlich zum Adelfränkisch Eigenschaften, die für Lagerfähigkeit stehen.

  2. Andreas Jung sagt:

    mehr als 10 virusfreie Klone werden in den Rebsortenarchiven in Weingarten und in Flörsheim-Dalsheim erhalten, darunter auch 2 Klone von der Nahe. Außerdem steht eine Vermehrungsanlage in Gundheim zur Verfügung.

    • Michael Holzinger sagt:

      Werter Matze, werter Herr Jung,

      sehr interessanter Artikel, auf diese Rebe und Weine werde ich künftig gerne mal ein Auge werfen.

      Herr Jung, mir ist Ihre Arbeit einigermaßen bekannt, daher eine Frage hier an dieser Stelle direkt. Was exakt beschreibt der in vielen Quellen immer wieder weitläufig benutze Begriff „virusfrei“ (Klone / Reben)?

      Es scheint mir, dass es keine klare Einigkeit bei vielen Autoren gibt und teils ganz unterschiedliche Phänomene damit gemeint sind bzw. vermengt werden.

      Bezieht sich der Begriff im Weinbau konsequent nur auf tatsächliche, allein durch Viren entstehende Erkrankungen? Oder werden auch Schadbilder mit einbezogen, die durch Bakterien oder Pilze verursacht werden? Was dann doch wissenschaftlich eigentlich unpräzise wäre.

      Wenn es sich wortgetreu nur auf Viruserkrankungen bezieht, wie viele solcher Viren sind bis heute identifiziert? Meine Frage zielt in die Richtung, dass weitere Virus-Entdeckungen in der Zukunft theoretisch doch denkbar wären, bzw. mit wie vielen Viren hatte die Weinrebe allgemein oder u. U. Sorten-spezifisch in der Vergangenheit zu tun, soweit bis heute nachzuvollziehen?

      Vielen Dank im Voraus und mit besten Grüßen

      Michael Holzinger

  3. Michael Holzinger sagt:

    Werter Matze,

    meine Frage zuvor an Herrn Jung, sollte ich die vielleicht eher an Herrn Jung direkt mailen, unter Traubenshow oder Projekt Südpfalzweinberg? Stehen Sie vielleicht in Kontakt mit ihm, oder hat er hier vielleicht nur zufällig und sporadisch geantwortet.

    Die fachliche Definition „virusfrei“ interessiert mich brennend.

    Mit besten Grüßen

    Michael Holzinger

    • Matze sagt:

      Ich denke, dass die allermeisten Leute sich nicht anschauen, wie die Diskussion nach ihren Kommentaren weitergeht. Insofern ja, da ist der Direktkontakt per Email wahrscheinlich am besten 😉 Viele Grüße!

  4. Michael Holzinger sagt:

    Besten Dank und viele Grüße

    MH

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