ProWein-Nachlese – die besten Retsinas

Kechris Retsina

Ich gehe im Sommer gern in das griechische Restaurant zwei Straßen weiter, vor allem, weil sie einen netten Biergarten besitzen. Statt Bier bestelle ich dann zu frittierten Sardinen mit Pommes und Bauernsalat, richtig geraten, Retsina. Interessanterweise kaufe ich mir ansonsten kaum Retsina. Und ich könnte mir vorstellen, dass es einigen von euch ähnlich geht. Deshalb habe ich bei der ProWein geschaut, ob einer der vielen griechischen Anbieter einen richtig guten Retsina im Angebot hat. Er hatte, und nicht nur einen. Kechris aus Thessaloniki macht Retsinas, wie man sie sonst nicht findet.

Retsina-Sophistication

Ich hätte es mir ja denken können. Es ist keineswegs so, dass es bei der Herstellung von richtig gutem Retsina irgendwelche Beliebigkeiten gibt. Nein, erklärt Tassos Nikoleris von Kechris in wirklich gutem Deutsch, es ginge bei verschiedenen Retsinas erst einmal darum, das jeweils zum Wein passende Harz beim Hersteller auszuwählen. Auch Pinienharz kennt natürlich Jahrgangsunterschiede, und es kennt auch unterschiedliche Terroirs. Das leuchtet irgendwie ein. Nur hatte ich bislang noch nicht davon gehört, dass so etwas bei einem, nun ja, einfachen Tavernengetränk überhaupt in die Überlegungen einbezogen wird.

Nein, sagt Tassos, das ist normalerweise auch nicht so. Aber Eleni, die Tochter des Weingutsbesitzers Stelios Kechris, hatte in Bordeaux studiert und dabei einen gewissen Ehrgeiz entwickelt. Nach ihrer Rückkehr wollte sie unbedingt dem besten Retsina machen. Allerdings gab es eine kleine Schwierigkeit dabei. Retsina ist ein Produkt, über das es keinerlei Lehrmaterial gibt. „Retsina zu machen“ , meint Tassos, „kannst du nirgends studieren. Es gibt keine Bücher darüber. Du musst es selbst ausprobieren, lernen, wie sich was auswirkt, und dann entscheiden.“

Vier Retsinas hat Kechris im Angebot, einen „normalen“ , die Tavernen-Cashcow sozusagen, und drei wirklich ungewöhnliche. Ich war gespannt.

Afros

Den „normalen“ Kechribari, den ihr auf dem Foto links sehen könnt, habe ich nicht probiert, weil ich ihn ohnehin schon kannte. Beim Afros bin ich überrascht, als Tassos die Flasche zum Öffnen holt. Kronkork! „Ja“ , sagt Tassos, „das ist eigentlich eine alte Tradition, und die geht so… “ In früheren Zeiten gab es den ersten Retsina aus dem Fass meist schon Ende Oktober. Zu der Zeit war er aber ungefiltert und besaß auch noch ein wenig Gärkohlensäure. Ein bisschen wie ein Federweißer am Ende seiner Entwicklung. Dieses Prinzip wollte Kechris beim Afros wiederbeleben. Der Wein wurde also kurz vor dem Ende der Gärung ungefiltert abgefüllt und verkapselt, ähnlich wie ein PetNat.

Auf diese Weise besitzt der Wein eine leichte Perlage und schmeckt für mein Empfinden deutlich fruchtiger als andere Retsinas. Viele Kräuternoten kann man schmecken, Rosmarin, Thymian, Basilikum. Ein Wein, der trotz der feinfruchtigen Note besonders gut zu gegrilltem Fisch passen soll. Ich könnte mir auch allerlei Snacks sehr gut dazu vorstellen.

Roza

Bestand der Afros noch aus 100% Roditis, der für Retsina üblichen weißen Rebsorte, wird der Roza aus der mazedonischen „Nationalsorte“ Xinomavro gekeltert. Xinomavro ist eine Rebsorte, die ich sehr mag, aber ähnlich wie beim Nebbiolo muss man viel Geduld mitbringen, bis die besseren Weine aus ihm zu perfekter Harmonie gefunden haben. Besitzt man diese Geduld nicht, gibt es Zunder auf die Papillen mit ordentlich Säure und heftigem Tannin. Wie mag also ein als Rosé ausgebauter Retsina aus dieser Rebsorte schmecken?

Nun, in der Nase erst einmal deutlich weniger harzig. Im Mund kommt dann eine feine Erdbeernote, aber auch eine deutliche Gerbigkeit. Die Säure, sagt Tassos, seien die Griechen beim Retsina nicht gewohnt, weshalb interessanterweise viele Ausländer den Wein großartig fänden, die Einheimischen ihn jedoch nicht wirklich goutierten. Tatsächlich, ich denke auch sofort nach dem ersten Schluck, dass das ein Wein sein könnte, der Leuten gefällt, die auch Orange Wine mögen. Also ein bisschen jünger und avantgardistischer und auch internationaler als die gewöhnliche Retsina-Klientel. Wirklich spannend.

Tear of the Pine

Und jetzt kommt der Gipfel der Retsina-Kunst. Auch hier ist die Zielgruppe eher unter aufgeschlossenen Weinfans zu finden. Der Wein aus 100% Assyrtiko, der ebenso fantastischen wie strengen Santorin-Rebsorte, wird im neuen Eichenfass ausgebaut und verbringt sechs Monate auf der Feinhefe. Auf diese Weise erreicht er eine Lagerfähigkeit, die man sonst beim Retsina nie hat. Nach zehn Jahren Lagern sei der Wein noch lange nicht müde, und das glaube ich aufs Wort.

In der Nase spüre ich eine Mischung aus vanilligem Neuholz und herberem Harz. Am Gaumen ist der Wein tatsächlich noch sehr jung, besitzt aber bereits eine große Geschmeidigkeit. Es ist nicht so, dass er seinen harzigen Charakter komplett aufgegeben hätte. Allerdings würde der Wein ganz sicher auch ohne Pinienharz zu den Guten im Lande gehören. Das Harz ist aber so dezent, dass es offenbar vielen Griechen und auch den griechischen Restaurants schlichtweg zu fein ist. Fisch als Begleitung geht natürlich auch hier, aber ebenso helleres Fleisch, zu dem ansonsten ein kräftigerer weißer Burgunder funktionieren würde.

Preislich sind wir bei den Kechris-Weinen am oberen Rand des Retsinas, aber tatsächlich eher im preiswerten Bereich für solch interessante Weine. Der Kechribari kostet für Endverbraucher in Deutschland zwischen sechs und sieben Euro, und die anderen drei liegen im Bereich 11-15 €. Eine tolle Entdeckung für mich. And away with the Vorurteile please!

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