Huet, Joly & Co: 22 große Loire-Weine

Loire Wein Käse Austern

Baguette, Austern, Ziegenkäse, Échiré-Butter – was mag da wohl noch fehlen? Genau, ein aromatisches Getränk. Oder mehrere. Oder gar 22 davon, 22 Weine von der Loire. Und natürlich eine größere Runde von Menschen, die gern solche Loire-Weine trinken und die sich damit auch ein wenig auskennen. Wenn ich mich nicht täusche, handelte es sich bei diesen Menschen um den höchst semi-offiziellen „Bonner Weinzirkel“, der dieses Mal bei  den Gastgebern Jörg und Gisela stattfand. Das Setting war also bereitet. Fieserweise mussten wir jeden dieser Weine erst einmal blind probieren und bewerten, bevor dann aufgedeckt wurde. Ein solches Vorgehen führt irgendwie automatisch zu gewissen Überraschungen…

Es ist ja, meine lieben Freundinnen und Freunde des Genusses, schlichtweg ein Jammer, dass Weine aus dem langen Tal der Loire hierzulande auf derartig wenig Gegenliebe zu stoßen scheinen. Ein paar ambitionierte Weinhändler gibt es, die solche Weine führen, aber manchmal scheint es, sie täten das nur aus persönlichem Interesse und weniger aus geschäftlichem. Das muss umso mehr erstaunen, als eigentlich jede Probe mit hochwertigen Loire-Weinen bei den Beteiligten zum Schluss zu dem Ergebnis führt, dass man a) kaum woanders ein so gutes Preis-Genuss-Verhältnis findet und b) sich doch schleunigst ein paar dieser Preziosen anschaffen sollte. So auch diesmal. Hoffen wir einfach, dass es sich hier so verhält wie mit dem steten Tropfen, der dann doch (in wenigen Jahrmillionen) in der Lage ist, den Stein der Bockigkeit gegenüber Loire-Weinen auszuhöhlen.

Weil es ja Menschen gibt, die weniger Zeit haben als andere, habe ich für erstere die drei Proben-Favoriten mit den höchsten Punktzahlen ganz an den Anfang der Beschreibungen gestellt. Für alle anderen: Der Rest war auch nicht von schlechten Eltern, und für Euch gibt’s dann die restlichen 19 Weine in der Reihenfolge ihres Erscheinens im Glas. Interessanterweise sind, obwohl der Gastgeber gar nicht speziell darauf geachtet hatte, fast alle der vorgestellten Weine aus biologischer oder gar biodynamischer Produktion. Das ist ein bisschen so wie im Elsass: Nur wenige der wirklichen Spitzenerzeuger arbeiten an der Loire noch konventionell. Und das in einer Region, in der gerade mal 8% der gesamten Rebfläche biologisch zertifiziert sind. Irgendwie interessant…

Unsere Top 3

Loire Wein Huet Mont

No. 1: Domaine Huet, Vouvray 2005 Le Mont sec, 13 vol%, 17,82 Punkte im Durchschnitt, 19 Punkte von mir.

Es gab eine Zeit, da waren die Weine der Domaine Huet gar nicht teuer. Wenn ich meinen Aufzeichnungen trauen darf, hatte ich genau für diesen Wein seinerzeit 15 € auf den Tisch gelegt. Auch heute noch sind wir hier Äonen entfernt von den Preisen, die für weiße Burgunder aufgerufen werden. Und das, obwohl es sich bei diesem 30 ha großen und seit langem biodynamisch geführten Weingut um eines der bekanntesten an der gesamten Loire handelt. Als ich jünger war, waren mir die Huet-Weine, die gemäß der „sec tendre“-Philosophie auch als trockene Exemplare immer ein paar Gramm Restzucker besitzen, oft „zu langweilig“. Sprich: zwar enorm fein und elegant, aber mit eher zurückhaltender Aromatik, ohne Wildheit und Vin Naturel-Touch. Bei der Probe diesmal hatte der Wein eine durchaus laktisch-gemüsige Nase, also nicht gerade ideal, dann aber eine beeindruckende Kombination aus Pikanz und Eleganz, die in einen enormen Trinkfluss mündete. Und Letzteres sollte ein großer Wein ehrlich gesagt auch haben. Nicht nur Beeindruckungselemente.

Loire Wein Tessier Romorantin

No. 2: Domaine Philippe Tessier, Cour-Cheverny 2010 La Porte Dorée, 13,5 vol%, 17,73/18

Voilà voilà, die größte Überraschung der Probe. Nicht dass Philippe Tessier ein schlechter Winzer sein würde, schließlich wird er seit Jahren in den französischen Weinguides immer gelobt. Aber sowohl die Appellation als auch die Rebsorte selbst werden manchen Liebhabern der Loire-Weine nicht sehr geläufig sein. Cour-Cheverny liegt in der Nähe von Blois auf flachem Terrain, und die Rebsorte heißt Romorantin. Romo was? Rantin, ja, eine spontane Kreuzung zwischen Pinot und Gouais, uralt, vermutlich aus dem Burgund stammend. Wir hatten ehrlich gesagt auch mit einem Chenin gerechnet, so insgeheim, und waren dann sehr positiv überrascht, was denn da ins Glas geflossen kam: sehr gelb in der Farbe, in der Nase interessanterweise relativ leicht, ein bisschen grasig, Ananas. Am Gaumen kommt mir der Wein gleichzeitig recht jung, aber auch vollmundig vor. Viele Gewürze spielen mit hinein, Ingwer und Nelken, dazu ordentlich Säure und ein kraftvoller Stoff. Begeisterung in der Runde. Zertifiziert Bio seit 20 Jahren, der aktuelle Jahrgang  kostet ab Hof 14,20 €. Natürlich gibt es den Wein nicht in Deutschland. Niemand wird ihn kaufen wollen, der ihn nicht kennt. Aber dafür alle, die ihn probiert haben. So ist das.

Loire Wein Mosse Anjou

No. 3: Domaine Mosse, Anjou (Magnum) 2010, 12,5 vol%, 17,65/18

Und gleich zur zweitgrößten Überraschung der Probe. Aus dem Nähkästchen plaudernd, muss ich zugeben, dass ich gerade noch mit Christoph Raffelt, der neben mir saß, darüber gelästert hatte, dass Mosse eigentlich noch nie einen wirklich guten Wein gemacht hat. René Mosse ist halt der große alte Vin Naturel-Pionier an der Loire, und darüber und über sein witzig-kontroverses Auftreten hat er eine gewisse Berühmtheit erlangt. An seinen Weinen, so sprachen wir unter uns, lag das aber noch nie. Auch dieser Wein ist keiner, der unwidersprochen durch die Kehlen läuft. Trüb im Glas, in der Nase Kräuter, Fruchtsüße, Gemüse, Schweinestall und Kurkuma, eine irre Mischung. Irre unsauber natürlich, und das setzt sich am Gaumen fort. Da kommen gleich zwei offensichtliche Mängel hinzu, nämlich flüchtige Säure und der Brettanomyces-Ton aus der Nase (das war der „Schweinestall“). Eigentlich eine klare Sache, abwerten, raus. Aber dahinter verbirgt sich ein hocheleganter Wein, charaktervoll, Pinot-haft. Was jetzt passiert, ist eine mindestens so große Überraschung wie der Wein selbst: Praktisch alle der zwölf erfahrenen Weinfreundinnen und Weinfreunde zücken eine hohe Punktzahl. Ich nehme an, in Deutschland hätte ein solcher Wein noch nicht einmal eine AP-Nummer bekommen. Ich persönlich mag den Reiz des Grenzgängers, könnte genau aus diesem Grund aber auch verstehen, wenn anderen dieser Wein nicht zusagt.

Und jetzt die ganze Probe

Schaumweine

Paar 1

Domaine de la Taille aux Loups, Touraine, Triple Zéro, 12,5 vol%, 15,41/15,5: Lachsrosa, denn es handelt sich in der Tat um einen Rosé-Schäumer. Brotkrustig in der Nase, Erdbeer und Granatapfel im Mund, etwas stoffiger als sein Pendant.

Domaine de Cray, Crémant de Loire, Brut 2014, 12 vol%, 15,32/15: Sehr blass, weißblütig, in der Nase zurückhaltend, im Mund eher Limette als Zitrone, weißblütig weiterhin, dazu eine leichte Fruchtsüße. Hat 27,50 € gekostet und besitzt damit ehrlich gesagt das schlechteste PLV der gesamten Probe. Ich warte also weiterhin darauf, mal einen richtig exzellenten Schaumwein von der Loire zu probieren.

Weißweine

Paar 2

Domaine de l’Ecu, Muscadet Sèvre et Maine, Expression de Granite 2010, 16,36/16,5: Kräftig in der Farbe, in der Nase eine Art belegter Honig, also die Kombination aus Firn und Botrytis. Am Gaumen ist das aber ein kräftiger und nachhaltig-trockener Weißer, der hervorragend zu den etwas fetteren Sommeraustern passt.

Jo Landron, Muscadet Sèvre et Maine, Le Fief du Breil 2014, 12 vol%, 15,27/15: Etwas heller in der Farbe und in der Nase noch etwas unerfreulicher nach Karton und Petrol. Am Gaumen natürlich angenehmer, aber sehr neutral und durch die überraschend geringe Säure ein bisschen flach. Nicht ausgesprochen schlecht, aber da hatte ich schon bessere Weine von Jo Landron.

Paar 3

Domaine des Huards, Cour-Cheverny, Romo 2010, 12 vol%, 16,27/16: Auch ein Romorantin, der Name (den wir zum Zeitpunkt des Verkostens natürlich noch nicht kennen) verrät es. Erstaunliche Nase, süßfruchtig, quittig, wieder botrytishaft, erstaunlich vor allem im Vergleich zum Gaumen, denn dies ist ein knalltrockener, grünsäuriger, ein bisschen wachsiger Wein. Wieder ein typischer Speisenbegleiter.

Domaine Philippe Tessier, Cour-Cheverny, La Porte Dorée 2010, 13,5 vol%, 17,73/18: Einer der Sieger von oben, Ihr kennt ihn schon. Im Vergleich zu seinem Counterpart wirkt er wesentlich jünger, aber auch reifer und voller. Und das, ohne diese frischen und würzigen Noten aufzugeben. Sollte man aber auf jeden Fall reifen lassen, den Stoff dafür hat er.

Loire Vin Naturel Echalier

Paar 4

Bertin-Delatte, Vin de France, L’Echalier 2011, 13 vol%, 16,68/17: Ein helleres Gold im Anblick, in der Nase zitronig-puderig, auch mit apfeligen Anklängen, rauchig, sehr mineralische Anmutung. Am Gaumen ist das hier ein überdeutlicher Vin Naturel in seiner konsistenten Apfel-Birnigkeit, leicht flüchtiger Säure, den rauchigen Noten. Ein frischer und ansprechender Wein, wenn man diesen Typus mag.

Domaine Mosse, Vin de France, Le Rouchefer 2012, 13,5 vol%, 16,50/16: Etwas dunkler in der Farbe, in der Nase gleich quittig und stoffiger wirkend. Im Mund dann Butterscotch, Bratapfel, Traubenzuckergefühl ohne echte Süße, auch sehr ungeschwefelt-unfiltriert wirkend, aber etwas behäbiger als sein Vorgänger.

Loire Wein Guiberteau Brézé

Paar 5

Domaine Guiberteau, Saumur, Brézé 2014, 13 vol%, 17,59/18,5: Der erste Versuch, ein Clos de Carmes 2009 vom selben Winzer, hatte nach Mehrheitsmeinung Kork oder entsprach irgendwie nicht den Erwartungen, also musste der Gastgeber noch einmal in den Keller und holte als Ersatz das hier hervor. Klares Gelb im Glas, in der Nase ungeheuer Neuholz, Kokosmakrone, offenbar ein richtig junger Wein. Am Gaumen ist weiterhin das Holz dominant, dahinter kommt aber ein straffer, säurereicher Körper mit ungemein viel Tiefe. Ein fantastischer Wein von seiner Materie her, aber wie lange wird er wohl brauchen, um diesen aufdringlichen Holzton einzubinden? Meine Prognose: viele Jahre, aber er wird es schaffen.

Loire Wein Insolite Chenin

Domaine des Roches Neuves, Saumur, L’Insolite 2009, 16,91/17: Thierry Germain mit seinem „einfachen“ Weißen, wobei er seinerzeit nur diesen einen hier hatte. Ein dunkleres Gelb im Glas, ein expressiver Wein in der Nase. Im Mund ein Süßegefühl ohne Süße (der heiße Jahrgang), Birne, viele Gewürze, ein bisschen anstrengend vielleicht und hinten mit einem strengen Säureausklang. Selbstverständlich kein schlechter Wein, aber ich würde ihn mir harmonischer wünschen.

Loire Wein Bellivière Calligramme

Paar 6

Domaine de Bellivière, Jasnières, Calligramme 2007, 13,5 vol%, 16,50/17,5: Goldene Farbe, in der Nase Gemüsebrühe und Blockmalz, sichtlich gealtert, ruft Skepsis hervor. Am Gaumen ist das wieder ein Wein, bei dem die Meinungen auseinander gehen können: extrem viel Stoff, extrem reif, wie ein gerade noch im Zaum gehaltener trockener Bonnezeaux. Ein bisschen wenig Pikanz für mich, aber auf sehr hohem Niveau.

Domaine Huet, Vouvray sec, Le Mont 2005, 13 vol%, 17,82/19: Auch den kennt Ihr schon, unseren Siegerwein nach Punkten. In allen Elementen wirkt der Huet heller als sein Mitbewerber, mit leichten Punktabzügen wegen seiner laktischen Nase. Im Mund ist das dann voll, aber straff, sehr viel Spannung bei sehr viel Reife. Das kann fast nur Chenin.

Rotweine

Paar 7

Domaine Saint-Nicolas, Fiefs Vendéens Brem, Reflets 2015, 12 vol%, 15,05/15: Allerhöchstens mittleres Rot im Glas, in der Nase pfefferige Noten, am Gaumen fein und mit präsenter Säure, für mich eindeutig ein Pinot Noir-Typ. Ein einfacher und hinten auch relativ kurzer Wein, der mir aber trotzdem (oder gerade deswegen) gefällt.

Château de Fosse-Sèche, Saumur, Eolithe 2009, 12,5 vol%, 15,91/15: Sehr dunkel in der Farbe und auch in der Nase mit einer dunklen, kräuterigen, tja, Überreife würde ich fast sagen ausgestattet. Am Gaumen moussiert der Wein ganz leicht, Gärkohlensäure vermutlich noch, dann kommt ein bissiger, schwarzfruchtiger Schwall. Zwei extrem unterschiedliche Weine.

Loire Wein Bourgueil

Paar 8

Château de Minière, Bourgueil 2010, 13,5 vol%, 16,00/16: Eines der beiden Weingüter (neben dem teuren Schaumwein), von dem ich noch nie etwas gehört hatte. Er schließt aber fast nahtlos an seinen Vorgänger aus der anderen Paarung an: ein dunkler Cabernet-Typ, aber diesmal mit viel Pikanz, Würze und einem heftigen Tannin. Ist mir persönlich ein bisschen zu monolithisch, soll heißen: Der Wein steht wie ein Block.

Domaine du Bel Air, Bourgueil, Les Marsaules 2012, 12,5 vol%, 17,25/17,5: Noch etwas dunkler in der Farbe, aber nicht in der Nase, die recht knackig daherkommt, allerdings auch mit einem gewissen Gärstinker. Am Gaumen gibt es Ähnlichkeiten mit dem Vorgänger, also dieselbe Rebsorte ist sonnenklar, aber die Frucht bleibt auf der etwas helleren Seite, relativ gesehen. Was den Unterschied ausmacht, das ist die Nachhaltigkeit, die Eleganz, der Trinkfluss. Ein guter Wein, könnte man mal als Pirat in eine Bordeaux Rive Droite-Probe hineinschmuggeln.

Loire Wein Thierry Germain Mémoires

Paar 9

Domaine Mosse, Anjou 2010 (Magnum), 12,5 vol%, 17,65/18: Ich sprach ja weiter oben schon von dieser Überraschung. Ehrlich gesagt war es so, dass viele von uns hier einen Clos Rougeard erwarteten, und in der Tat hatten die Foucault-Brüder Anfang der 00er Jahre häufig gewisse Probleme mit flüchtiger Säure, bevor sie dann etwas an der Ausstattung änderten. Ich schrieb in mein Notizbuch: „krass und fehlerhaft, aber charaktervoll; ein ganz subjektiver Wein, sehr interessant“. Sollte ich vielleicht tatsächlich noch einmal nachprobieren.

Domaine des Roches Neuves, Saumur Champigny, Les Mémoires 2012, 12,5 vol%, 16,40/16,5: Und hier vielleicht eine der leichten Enttäuschungen des Abends. Vermeintlich jedenfalls. Der Wein ist dunkel in der Farbe und sehr zurückhaltend in der Nase. Im Mund dann viel Holz, gewisse Säure, blutig, Syrah-artig, derzeit ein bisschen flach in der Aromatik. Ganz eindeutig ist dieser Wein in seiner Abtauchphase und viel viel zu jung, um ihn jetzt mit Vergnügen zu öffnen. Das ist Thierry Germains Spitzen-Roter, und nachdem ich ihn jetzt in dieser Form probiert habe, würde ich sagen: noch zehn Jahre im Keller lassen. Der wird mal richtig gut.

Weiß und stark

Loire Wein Nicolas Joly Coulée de Serrant

Paar 10

Clos de la Coulée de Serrant, Savennières-Coulée de Serrant 2000, 13,5 vol%, 17,10/16: Wein Nr. 19, und da wir bei diesem Freundeskreis-Abend fast alle/s nicht gespuckt, sondern geschluckt hatten, muss ich ehrlich zugeben, dass mein Gaumen ein bisschen müde wurde. Deshalb vielleicht auch mein innerer Wunsch nach einem Reparatur-Riesling, aber stattdessen kam das: Dunkelgold in der Farbe, laktische Nase, am Gaumen trocken, aber mit einer extremen Würze, Blockmalz, sehr viel Reife und deutlichen Bitternoten. Für zwei von uns war das der Wein des Abends, was ich sehr gut nachvollziehen kann, aber ich fand ihn zumindest in diesem Moment zu unbeweglich und irgendwie auch zu alt. Sami Khedira in flüssig (was muss er sich nicht alles anhören, der arme Schwabe…).

Ferme de la Sansonnière, Vin de Table, Les Fouchardes 2006, 16,05/16: Heller in der Farbe und mit seiner säuerlichen Frucht lebendiger in der Nase. Am Gaumen dann einen Touch flüchtige Säure, dazu etwas Restzucker. Der Wein beginnt sehr interessant und fadet dann irgendwie aus. Nach dem Aufdecken dann auch das große „och, schade“, aber 2006 war auch kein guter Jahrgang an der Loire für weiße Schwergewichte.

Süßweine

Loire Wein Huet Mont

Paar 11

Domaine Huet, Vouvray moelleux, Le Mont Première Trie 2002, 12,5 vol%, 16,67/18: Hatte ich beim Coulée de Serrant noch deutlich niedriger als der Durchschnitt gepunktet, läuft es hier genau anders herum. Dunkles Gold im Glas, in der Nase Kurkuma, am Gaumen dann – gar nicht viel Süße. Erstaunlich trocken, pikant, ein leichter Gemüseton, wenig Frucht, aber ein toller Fluss, gleichzeitig gehaltvoll und sehnig.

Domaine Jo Pithon, Coteaux du Layon St-Lambert, Clos des Bonnes Blanches 1997, 12 vol%, 16,06/16,5: Last wine standing, und das genaue Gegenteil seines Vorgängers in Süßwein-Hinsicht: Cognac-braun, ganz viel Süße klebriger Art in der Nase, aber praktisch keine Botrytisnote. Am Gaumen dann Süße, Karamell, getrocknete Trauben, aber wenig Pikanz, wenig Grip. Gleitet essenzhaft die Kehle hinab, regt aber nicht mehr auf. So sollte ein Abschluss sein.

Mein Fazit

Ich versuche, die mannigfachen Eindrücke mal in drei Punkten zusammenzufassen:

  1. Weine von der Loire sind ungeheuer vielfältig, können immer wieder für Überraschungen sorgen und sind in der Lage – ein bisschen Lagerzeit vorausgesetzt – auch bei relativ kleinem Preis für Großes zu sorgen.
  2. Die Frage, was einen „großen Wein“ ausmacht, ist nicht ohne Kontroverse zu klären. Individualität und Charakterstärke sind jedenfalls zwei Eigenschaften, die im Ernstfall dazugehören. „Fehler“ sind hingegen auf diesem Niveau offenbar sehr stark eine Frage der individuellen Neigungen und Toleranzen.
  3. Wenn ich unsere Nr. 2 betrachte, den Romorantin von Philippe Tessier, dann wird mir umso mehr bewusst, dass die Loire auch bei deutschen Weintrinkern dringend aus der Nische heraus muss. Es ist doch zu schade, dass kaum jemand diese Preziosen kennt.  Aber wie könnte sich das ändern? Wahrscheinlich nur, indem die Loire-Region selbst für ihre Erzeugnisse ein völlig neues Image kreiert. Craft Beer hat das an vielen Stellen geschafft, finnisches Design, südkoreanische Kosmetik, um mal ein breiteres Anregungsspektrum anzubieten als nur andere Weinregionen. Also bitte, liebe Loire-Leute, ich folge euch ja auf Instagram, ein bisschen weniger Schlösser, ein bisschen weniger „der Garten Frankreichs“, mehr echte Stories, interessante Persönlichkeiten, auch mal etwas für jüngere Menschen, nicht so staatstragend. Es gibt kaum Gegenden der Welt, in denen innovativere und bessere Weine entstehen. Darauf lässt sich doch aufbauen.

Und wer (unwahrscheinlich aber möglich) immer noch nicht genug von der Loire hat, ich hatte im Jahr 2013 während der Rekonvaleszenzphase meines Achillessehnenrisses mal eine sechsteilige Serie über die Loire geschrieben. Hat sich irgendwie angeboten. Bei Teil I fängt sie an, die anderen Teile sind am Textende verlinkt, und – ich habe gerade mal wieder reingeschaut – die beschriebenen Weingüter würde ich heute noch genauso empfehlen.

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