Paris im Dezember

Ich gebe zu, der Titel zu diesem Beitrag hört sich irgendwie ähnlich verlockend und positiv an wie „Deutschland im Herbst“. Und tatsächlich: „Disappointing…“, raunt es neben mir, als ich gerade das Foto oben vom Schaufenster des Kaufhauses Bon Marché mache. Jedes Jahr zur Weihnachtszeit gibt es dort eine häufig spektakuläre Installation aller möglichen beweglichen Objekte. In diesem Jahr scheinen die Touristen von den (noch) verschlossenen roten Päckchen weniger angetan. Aber – um mal wieder die Kurve zu kriegen – wie viele Dinge gibt es doch in Paris, von denen man angetan sein kann! Auch im Dezember. Ich habe versucht, Euch hier einige dieser Orte vorzustellen. Und ich gehe jede Wette ein, dass Ihr nicht alle davon kennen werdet…

Das kennt jeder, der schon einmal in Paris war. Nein, nicht nur die Metro an sich. Sondern auch den Geruch, diesen seltsam süßlich-ölig-muffigen Ton, der sich durch die Gänge zieht. Wenn wir nicht gerade im Parfümbereich arbeiten, machen wir in der Regel von unserem Geruchsgedächtnis gar nicht so viel Gebrauch – jedenfalls nicht systematisch. Aber die Pariser Metro würde ich sicher wiedererkennen unter all den vielen U-Bahnen, die ich schon benutzt habe. Und das Erstaunliche ist: Weil ich mit Paris-Besuchen etwas Angenehmes verbinde, gefällt mir irgendwie auch dieser Metro-Duft…

Der Marché des Enfants Rouges im Marais-Viertel ist ganz sicher kein Geheimtipp, zumal überall steht, dass es ihn seit dem Jahr 1615 gibt, was ihn zur ältesten noch bestehenden derartigen Struktur in Paris macht. Der Eingang ist nicht allzu leicht zu finden, denn man muss durch einen Torbogen von der Rue de Bretagne aus hineingehen. Heutzutage arbeiten in diesem Viertel viel mehr Menschen als solche, die mittags selbst kochen. Deshalb ist die Markthalle eine Mischung aus „echten“ Marktständen und einer Art Food Court, wie ich das aus den Geschäftsvierteln asiatischer Großstädte kenne. Man kann hier klassisch französisch speisen, aber auch japanisch, marokkanisch, italienisch oder antillesisch. Und genau das tun wir: einmal Boudin Créole bitte und einmal Colombo de Poulet. Scharfe Sauce dazu? Ja, sehr gern!

(Fast) Ganz brandneu hingegen ist diese Idee: Eine Art Kiosk steht auf einem Platz im Marais, und auf dem Kiosk steht „Ici votre concierge de quartier“. Hinter dem Projekt „Lulu dans ma rue“ steht die Idee, dass es in den allermeisten Häusern eben keine Hausmeister (oder aber Freunde und Familienangehörige) mehr gibt, die stets und ständig bei irgendetwas helfen können. Und da es – anders als in Asien – in Europa keine ausgefeilte Servicekultur gibt, ist es tatsächlich innovativ, sich als Viertelsbewohner hier am Kiosk von einer netten Dame Hilfe in allen möglichen Angelegenheiten organisieren zu lassen: Die beauftragten „Lulus“ können Blumen gießen im Urlaub, Möbel transportieren, auf Babies aufpassen, den Computer reparieren, Schlüssel aufbewahren, einfach alles… 105 dieser Lulus gibt es mittlerweile, die sich mit sinnvoller Arbeit ein bisschen Geld dazuverdienen. Die Nachfrage ist riesig und das Ganze ein gemeinnütziger Verein, „erfunden“ von einem Uni-Dozenten, der sich in sozialen Projekten schon auskennt. Zu Anfang fürchtete er, dass niemand mitmacht, weder auf der Lulu- noch auf der Nachfrageseite. Jetzt muss er eher bremsen, um nicht den Überblick zu verlieren…

Irgendwie eine ganz ähnliche Idee, nur in einem völlig anderen Metier, seht Ihr auf dem Foto oben. Es handelt sich um das Ladengeschäft der Zeitschrift Fou de Pâtisserie, ohne Zweifel die beste Lektüre für alle an der Backkunst Interessierten. Weil es den ZeitschriftenmacherInnen etwas zu langweilig war, über kulinarische Köstlichkeiten nur auf trockenem Papier zu berichten, haben sie diesen Laden in der Rue Montorgueil aufgemacht. Hier gibt es die ganzen kleinen und feinen Stückchen der Stars und Newcomer, über die in dem Magazin berichtet wird. Immer wieder neu. Was für eine großartige Idee! Bleibt nur die immense Qual der Wahl beim Einkauf… Ich entscheide mich für die Kreation Equinoxe von Cyril Lignac, ein Törtchen mit Vanille, Karamel und Spekulatius in elegantem Gewand.

Yann Couvreur hat es augenscheinlich schon richtig geschafft. Er besitzt ein klares Motto namens „Fuchs“ und hat nicht nur seine dritte Boutique in der Rue des Rosiers aufgemacht, sondern auch einen Stand in den Galeries Lafayette. Und natürlich kann er backen. Die fantastisch gestalteten, winterlich zusammengeringelten Füchse gibt es in drei verschiedenen Varianten, nämlich „marron-cassis“ (das ist der Fuchs im Vordergrund), „vanille-exotiques“ (das ist der hinten) und „chocolat-praliné“. Was ich an der Pâtissierskunst so gut finde, das ist ihre relativ starke demokratische Komponente. Nun gut, könntet Ihr sagen, so ein Teilchen kostet 6,80 €, was soll daran bitte demokratisch sein? Ganz einfach: Das hier stammt aus der Sterne-Gastronomie, und es gibt nur wenige andere Künste, bei denen Ihr für 6,80 € eine Kostprobe auf höchstem Niveau erwerben könnt.

Wann ist Handwerk Meisterschaft? Dieser Frage widmet sich der Wettbewerb um den „Meilleur Ouvrier de France“ (MOF), der seit dem Jahr 1924 meist alle vier Jahre in den verschiedensten handwerklichen Disziplinen abgehalten wird. Dabei gibt es nicht etwa den einen Gewinner, sondern alle, deren Wissen und Kunstfertigkeit für meisterhaft gehalten wird, erhalten einen MOF-Kragen. Mal sind das mehrere je Disziplin, mal eine/r, mal niemand. In jedem Fall ist der MOF-Titel mit hohem Prestige verbunden, Frucht jahrelanger Arbeit und ein Versprechen auf landesweite Bekanntheit (und reichlich Aufträge). So richtig ins Scheinwerferlicht kommen aber meist nur die Angehörigen der kulinarischen Disziplinen. Den anderen meisterlichen Handwerkern, also solchen, die schreinern, bauen, fräsen und hämmern, ist eine derzeit laufende Ausstellung im Musée des Arts et Métiers gewidmet. Auf dem Foto oben seht Ihr einen Ausschnitt daraus: eine Fotowand mit den Händen der, ja, Handwerker. Wenn Ihr mich fragt, ist so ein prestigeträchtiger und mediatisierter Wettbewerb eine sehr gute Sache. Gerade in unseren Zeiten, in denen (außerhalb des definierten künstlerischen Sektors) fast ausschließlich abstrakte Tätigkeiten „etwas zählen“. Könnte man bei uns ebenso auf diese Art einführen, dann gibt’s vielleicht auch wieder mehr Lehrlinge, die sich von der Handwerkskunst angezogen fühlen…

Über all solche Gedanken sozio-politischer Natur nebst privaten Details oder auch nur lustigen Schwänken diskutiert man in Paris am liebsten in unkomplizierten Weinbars, von denen es nicht gerade wenige gibt. Entsprechend groß ist auch die Auswahl der Weine, die dort angeboten werden. Ich fand Gefallen an dem Getränk auf dem Foto oben, Les Débonnaires, einem Rotwein von der Loire. 100% Cabernet Franc, ein süffiger, auch jung schon gut zu schlürfender Vin Naturel von Luc Sébille, 13 € im Laden, etwas mehr in der Bar. Nur mal nebenbei: Auch wenn ich in letzter Zeit mit großem Gewinn viele Weine komplett ohne Schwefelgaben getrunken habe, werde ich daraus jetzt keine Religion machen. Ich halte es da eher mit Pierre Citerne, der kürzlich in der RVF schrieb, man möge doch bitte (auch beim Wein) nicht nur die eigene Meinung als einzige Wahrheit gelten lassen. Immerhin hätte jeder Mensch einen individuellen Geschmack, und was der eine für fehlerhaft hält, kann dem anderen großartig gefallen. Und beide hätten „Recht“ in einem non-absoluten Sinn.

Dennoch bin und bleibe ich natürlich ein Freund individueller Weine, die mit Umsicht, Herz und Verstand auf möglichst naturschonende Weise hergestellt werden. Und deshalb ist der Cave des Papilles in der Rue Daguerre mittlerweile ein unverzichtbarer Anlaufpunkt auf meiner Tour durch Paris. Ich habe dort beispielsweise schon die Jura-Weine von Labet und Ganevat gekauft, und diesmal waren wieder drei Weine fällig, welche die Nerd-Herzen höher schlagen lassen: Les Noëls de Montbenault von Richard Leroy (Abgabemenge nur eine Flasche pro Kunde), ein roter Burgunder von Fred Cossard und Beau Paysage, der vermutlich begehrteste japanische Wein. In Japan selbst hatte ich jedenfalls keine Chance, ihn zu bekommen, aber hier kennt ihn ja niemand…

Die Rue Daguerre ist aber auch ansonsten ein Ort, an dem man in kulinarischer Hinsicht alles bekommt, was Frankreich so ausmacht. Wer sich einmal an diese Auswahl gewöhnt hat, sollte sich im Falle eines Fortzugs auf mental schwere Zeiten in der Diaspora gefasst machen.

In der Rue Ste-Anne im 1. Arrondissement befindet sich der großartige Roellinger-Gewürzladen. Direkt gegenüber eine sehr schöne Reisebuchhandlung, weiter vorn das japanische Viertel mit vielen Restos und Ramen-Bars, eine perfekte Ecke für mich. Im Laden selbst habe ich mich diesmal von meiner Nase leiten lassen und dadurch drei neue Gewürzmischungen erstanden, die erst noch praktisch ausprobiert werden wollen. Wer hier mit leeren Händen wieder rausgeht, …den möchte ich lieber nicht kennenlernen. Das nur à propos eigene Meinung als einzige Wahrheit…

Obwohl das Wetter wirklich ausgesprochen scheußlich ist, muss ich der Goutte d’Or noch einen Besuch abstatten. Das ist das Viertel nördlich der Metrostation Barbès-Rochechouart, das wahrscheinlich die größte Vielfalt afrikanischen Lebens außerhalb Afrikas zeigt. Man kann hier auf dem Marché Dejean die ganzen tropischen Früchte und Grünpflanzen kaufen, die für würzige Suppen, für Mafé oder Poulet DG so gebraucht werden. Außerdem gibt es Serviceangebote für Hilfen in allen Lebenslagen, Plakate von Konzerten und einfach auch ein bisschen Trubel. Ich hatte Berichte gelesen, die von einer schleichenden Gentrifizierung des Viertels sprachen, und klar, es gibt hier auch eine Craft Beer-Brauerei. Aber ansonsten fand ich die Substanz noch nicht wirklich angekratzt.

Was definitiv zugenommen hat, das ist das Angebot an afrikanischer Kleidung. Oder vielmehr an dem, was sich dann zu Kleidung verarbeiten lässt. Dies ist nur einer von sicher zehn Shops für Wax-Stoffe, an denen ich vorbeigekommen bin. Gebt zu, Euer ewig gleicher Bürolook ist doch wirklich langsam langweilig. Warum nicht mal ein schönes Hemd in optimistischen Farben schneidern lassen?

Zwar keine sonderlich optimistischen Farben, aber dafür schöne Samtjacketts tragen die Herren auf diesem Foto. Es stammt von der 1977er LP der Diplomates d’Haïti, die schwungvoll Compas, Funk und Soul spielen. Vor 30 Jahren muss die Gegend nördlich des Gare du Nord gebrummt und gesummt haben vor lauter Klangkünstlern. Jetzt sind nur noch ein paar dieser Läden verblieben, die gleichzeitig als Label und Booking-Agentur dienen, manchmal sogar mit einem Tonstudio im Hinterhof. Debs Music ist einer von ihnen, vielleicht der beste. Wenn Ihr Euch für afrikanische und antillesische Musik interessiert, egal ob von 1960 oder von heute, dann seid Ihr bei den Nachkommen des legendären Henri Debs genau richtig. Ich war jedenfalls sehr froh, den Laden in der Rue du Faubourg Poissonnière so gut sortiert vorzufinden.

Bleiben wir beim Anachronistischen: Bücher, Ihr kennt sie möglicherweise noch. Ich weiß auch nicht, wie lange die Französinnen und Franzosen weiterhin Bücher und Zeitschriften kaufen und lesen werden. Aber momentan ist das Angebot an Lesestoff wirklich immer noch sehr gut. Wer zu politischen Büchern neigt, zu sozialwissenschaftlichen Abhandlungen, zu intelligenter Unterhaltung, der wird in Paris eine ganze Reihe unabhängiger Buchhandlungen vorfinden wie die Librairie Jonas im 13. Arrondissement, die dieses Jahr ihr 60-jähriges Bestehen feiert. Und zwar unter dem Motto „libre, belle et rebelle“. Ich habe hier allerdings ein völlig unpolitisches Buch gekauft, nämlich „On va déguster: La France“ von François-Régis Gaudry. Schaut mal im Internet nach, und Ihr werdet es Euch noch zu Weihnachten wünschen wollen. Vergeblich natürlich.

Was Ihr aber definitiv noch schafft, das ist ein Parisbesuch zum Jahreswechsel. Nach einem durchaus üppigen Mahl im Restaurant Chinatown Olympiades (persönliches Highlight: Fisch in Shaoxing-Wein-, tja, Panade) ist mir beim Hinausgehen diese Ankündigung aufgefallen. Feiern am Zehner-Tisch, Schlemmen wie ein Chinese in Frankreich und Tanzen bis um vier Uhr morgens. Meine überraschendste und bis heute beeindruckendste Silvesterfeier erlebte ich einmal völlig ungeplant in einer kleinen griechischen Gastwirtschaft. Dies hier könnte ein ebenso interessantes Erlebnis werden. Also schnell noch den Zug gebucht und das Hotelzimmer besorgt, denn Ihr werdet sehen, Paris im Dezember – das ist viel mehr als der Eiffelturm und ein Zehn-Euro-Kaffee auf den Champs-Elysées…

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