Natürlicher Dienstag #149 – Domaine des Miroirs

Domaine des Miroirs

»Wohin gehen wir?« »Wir werden sehen…« Das steht in deutscher Übersetzung auf dem Wein, den ich euch heute vorstellen möchte. Es ist ein besonderer Wein in jeglicher Hinsicht. Auf dem Zweitmarkt muss man Unsummen dafür bezahlen, was in erstaunlichem Gegensatz zur Hingabe und Bescheidenheit steht, die das Winzerpaar ausmacht. Ich spreche von der Domaine des Miroirs von Kenjiro und Mayumi Kagami im französischen Jura. Ich habe ihren 2011er Les Saugettes getrunken, am 1. Januar 2026 als bestmöglichen Start ins neue Jahr. Hier lest ihr davon, wie er mir geschmeckt hat.

Domaine des Miroirs – Jura-Kult mit Tiefgang

Kenjiro Kagami arbeitete als Ingenieur bei Hitachi, wollte seinem Leben aber eine andere Wendung geben. Also ging er ins Burgund, machte dort in Beaune sein BTS und träumte davon, einen Musigny zu kreieren. Tatsächlich bekam er einen Praktikumsplatz bei der Domaine Comte de Vogüé. Wie das aber manchmal so ist im Leben, lernte er in der Weinszene auch noch ganz andere Ansätze kennen als den konventionellen Luxus. Und diese andere Welt zog ihn irgendwie deutlich mehr an. Also machte Kenjiro ein weiteres Praktikum bei Thierry Allemand in Cornas, lernte und arbeitete einige Jahre bei Bruno Schueller im Elsass und ganz zum Schluss bei Jean-François Ganevat. Über jenen ergab sich auch die Möglichkeit, dreieinhalb Hektar Reben in der Nachbarschaft zu bewirtschaften, genauer in Grusse.

Das war 2010, und seit 2011 gibt es die Domaine des Miroirs. Miroirs = Spiegel, weil der Name der Kagamis im Japanischen auch genau das bedeutet. Während heute auf der wunderbar informativen Website des Weinguts gleich zehn Weine vorgestellt werden, die die beiden produzieren, waren es zu Anfang offenbar noch weniger. Die Namen »Les Saugettes« und »Berceau«, die zusätzlich auf meinem Etikett stehen, sind heute nämlich eigene Weine.

Alle Weine, die Kenjiro herstellt, stammen aus biologisch zertifizierten Anlagen, auch wenn das nicht ausdrücklich erwähnt wird. Im Keller vergären die Moste unter Umgebungstemperatur spontan. Die Weißen werden über einen ganzen Tag langsam gepresst und bleiben in gebrauchten Holzfässern meist über 24 Monate. Die Fässer werden nach dem Ouillé-Prinzip dabei fünf- bis sechsmal wieder aufgefüllt und schließlich unfiltriert auf die Flasche gebracht, wo sie noch einmal zwei Jahre warten, bis es in den Verkauf geht. Mein Wein namens »Où est-ce qu’on part? On verra bien…« ist ein reinsortiger Chardonnay mit 13,5 vol%.

Wie schmeckt der Wein?

Vor kurzem habe ich mit Johannes von Klein aber Wein gesprochen, einem Weinimporteur in Kyoto. Ich wollte von ihm wissen, ob Japaner Wein anders empfinden und beschreiben, als wir das von der westlichen Weinschule kennen. Johannes überlegte ein wenig und sagte dann, »ja, ich glaube, hier in Japan geht es weniger um einzelne Bestandteile wie Säure oder Holzausbau, sondern um die Gesamtwirkung, die ein Wein auslöst. Der Wein wird als Einheit begriffen.« Ich versuche mich also mal an einer Beschreibung dieses Chardos der Domaine des Miroirs, die westliche und östliche Elemente verbindet.

Farblich in tiefem Zitronengelb, sichtlich trüb, aber nur ein ganz feiner Schleier. In der Nase spüre ich einen gewissen hefigen Reduktivton, dunklen Stein, feuchtes Heu, leicht Apfelschale und Rauch. Spontan assoziiere ich diesen Eindruck mit dem herbstlichen Einbringen gelber Früchte an einem nebligen Tag.

Im Mund bin ich dann überrascht über die milde Säure. Wir hatten ja vor Weihnachten einen Wein von Labet aus dem Jura, der selbst uns säuregewohnten Rieslingtrinkern bissig vorkam. Ganz anders hier. Überdeutlich biologischer Säureabbau, aber ohne dass dies zu buttrigen Noten geführt hätte. Quitte und ein wenig Banane zeigen sich im Fruchtbereich, es gibt einen dichten, vollkommen ausgewogenen Fluss, bevor der Wein am Ende ganz leicht wird mit einem feinen Grip. Der heufeuchte Morgen aus der Nase lässt nach und gibt Raum für eine wärmende, aber sanfte Sonne.

Wahrscheinlich habe ich noch nie einen kontemplativeren Naturwein getrunken, einen, der mehr in sich ruht als dieser. Wir trinken ihn zu einer schwierigen Kombination aus Curry-Eiern mit Ananas, die allerdings nur eine minimale Süße aufweisen. Er passt perfekt. Für Naturweinfreaks ist das in der Tat ein riesengroßes Vergnügen. Wer hingegen bislang ausschließlich »cleane« Weine getrunken hat, wird schnell merken, dass hier eine andere Pholosophie zugrundeliegt.

mit einer Flasche Domaine des Miroirs

Wo kann man ihn kaufen?

»Nirgends« wäre nicht nur eine schlechte, sondern auch eine falsche Antwort auf diese Frage. Natürlich kann man die Weine der Domaine des Miroirs kaufen. Produziert werden dort pro Jahr lediglich 10.000 Flaschen, von denen viel nach Japan geht. Nachfrage und Seltenheit in Kombination führen deshalb zu Preisen, die zumindest außerhalb Japans jenseits von Gut und Böse liegen. Wenn es euch interessiert, könnt ihr einmal auf einschlägigen Seiten wie iDealwine nachschauen.

Ich bin allerdings auf andere Weise an diesen Wein gekommen: als Geschenk. Und ich hoffe inständig, dass mein Freund Yoshikazu, von dem ich den Wein habe, seine guten Kontakte als Naturwein-Caviste hat spielen lassen. Das Geschenk wäre sonst viel zu groß.

Izakaya Tokyo

In der Izakaya oben auf dem Foto war es, als Yoshikazu mir die Flasche überreicht hat und ich als »Austausch« einen zwar ebenso seltenen, aber eben nicht kultisch verehrten Adelfränkisch dabei hatte.

Was Wein und Winzer für mich (und andere) so faszinierend macht, das ist ihre Philosophie, die weit über Tun und Lassen bestimmter Techniken hinausgeht. Vieles hat dabei einen sehr poetischen Anklang. Der Name des Weins »Où est-ce qu’on part? On verra bien« ist nämlich so zu verstehen, dass es nicht um einen vorgegebenen Weg und ein festes Ziel geht, sondern auch die Winde eine Rolle spielen. Man wird sehen, was sich ergibt.

Für die Kagamis spielt das »mono no aware« immer mit hinein, die Schönheit der Vergänglichkeit, die Flüchtigkeit des Moments. Denn wie die Kirschblüten, für die das »mono no aware« in Japan zentral ist, sind auch die Trauben vergänglich. Ebenso der Geschmack des Weins, an den beim Betrachten der jetzt leeren Flasche nur noch eine Erinnerung bleibt. Und ich muss zugeben: Diese Herangehensweise ist genau mein Ding. Ich bin sehr froh, diesen Wein einmal getrunken zu haben.

Dieser Beitrag wurde unter Natürlicher Dienstag, Wein abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.