Best of Schwarzriesling / Pinot Meunier

Best of Schwarzriesling Pinot Meunier

Es gibt ja zum Glück die Google-Suche, wenn man sich nicht sicher ist, ob man einen Begriff verwenden kann oder nicht. Best of Schwarzriesling – gut möglich, dass es schon einen Wettbewerb mit diesem Namen gibt. Also habe ich “Best of Schwarz” eingegeben, und Google hat mit der Intelligenz des Algorithmus vervollständigt, wonach ich suche: Best of Schwarzenegger. Knapp daneben. Nach Arnie hatte ich mein Lebtag noch nicht gesucht. Aber wenigstens war ich mir danach sicher, dass sich so sehr viele andere vorher noch nicht zur Aufgabe gemacht hatten, die besten deutschen Schwarzrieslinge herauszusuchen. Hier folgen also nun vier Vertreter, die es absolut ernst meinen.

Schwarzriesling oder Pinot Meunier?

Der deutsche Begriff des Schwarzrieslings ist leider ein ganz klein wenig irreführend. Mit Riesling hat die Rebsorte nämlich wirklich überhaupt nichts zu tun. Der französische Name Pinot Meunier hilft da schon eher weiter. Der Schwarzriesling gehört nämlich zur Familie der Pinots, mithin der Burgunder. Meunier wie Müller wurde er deshalb genannt, weil die Blattunterseite fein weiß behaart ist, als würde sie mit Mehl bestäubt sein. Daher stammt auch das deutsche Synonym Müllerrebe, das aber auf keinem Etikett steht. Beschrieben wurde diese Pinot-Mutation erstmals in Frankreich im 17. Jahrhundert, angedeutet auch schon in deutschsprachigen Quellen aus dem 16. Jahrhundert. Möglicherweise befindet sich der Ursprung der Mutation in Lothringen, das damals eine bedeutende Weinregion war.

Rotes Deutschland

Heutzutage liegt die größte Bedeutung des Meuniers darin, dass er nach Pinot Noir und Chardonnay die dritte Rebsorte beim Champagner darstellt. Allerdings (mit kleinen Ausnahmen im Vallée de la Marne) meist nur als Ergänzungssorte. Wer einmal die monovarietalen Meuniers von Egly-Ouriet oder Françoise Bedel probiert hat, weiß aber, dass der Müller es wirklich kann. Wenn man ihn richtig anfasst.

Genau das haben die Winzerinnen und Winzer offenbar getan, die ich in diesem Artikel vorstellen möchte. Allerdings sprechen wir beim Best of Schwarzriesling nicht von Schäumern, sondern von roten Stillweinen. Aus Deutschland, denn schließlich sind wir hier bei der Serie ROTES DEUTSCHLAND. Die Reihenfolge der Beschreibung hat übrigens nichts mit einer Hitliste zu tun. Ich habe sie einfach wie auf dem Foto von rechts nach links probiert.

Weingut Seeger – Schwarzriesling R

Thomas Seeger Schwarzriesling R

Leimen südlich von Heidelberg ist für mich assoziativ leider auf ewig mit Bobbele Becker verbunden – ich bin halt ein Kind meiner Generation. Im selben Jahr, als Bobbele zum ersten Mal Wimbledon gewann, schloss Thomas Seeger sein Studium in Geisenheim ab. Während Becker laut Tante Wiki insgesamt 49 Turniere gewinnen konnte, öffnet Thomas Seeger das Füllhorn in seinem Bereich ebenfalls weit. Aus 10 ha Rebfläche holt er in jedem Jahrgang um die 30 Weine – und kein einziger davon ist ein Kleiner. In der Vergangenheit waren mir seine Weine manchmal ein bisschen zu Harley-mäßig, sprich kraftvoll, intensiv, holzbetont, kalifornisch – aber immer handwerklich perfekt. Mal schauen, was der große Schwarzriesling des Jahrgangs 2018 kann (Kostenpunkt 27,50 € ab Hof)…

Durchaus gedeckte, balsamische Nase, leicht schwarzkirschig, dazu edles Holz. Am Gaumen ist Thomas Seegers Schwarzriesling R mit einer herzhaften Säure ausgestattet bei mittlerem Tannin und auch ansonsten einer mittelgewichtigen Art. Da wirkt in der Tat gar nichts überholzt oder überextrahiert, sondern absolut wohlproportioniert. Überdies gibt es einen richtig eleganter Fluss, der auch noch zunehmen dürfte, wenn sich das Holz weiter eingebunden hat. Ein wirklich wunderbarer Start in die Welt der ernsthaften Schwarzrieslinge.

Weingut Heitlinger – Pinot Meunier Reserve

Heitlinger Pinot Meunier Reserve

In Kooperation mit dem Weingut Heitlinger möchte ich euch den Pinot Meunier Reserve des Jahrgangs 2017 vorstellen. Das Heitlinger-Universum hat sich ja zu einem echten Schwergewicht der Weinszene entwickelt. Seit gut zehn Jahren laufen nämlich die Kraichgauer Weingüter Heitlinger und Burg Ravensburg in einer Hand, geleitet von Tausendsassa Claus Burmeister. Insgesamt sind das stattliche 120 ha Reben, alle seit über zehn Jahren biologisch bewirtschaftet und zertifiziert.

Das Traubenmaterial für die Reserve wird nach der Handlese erst einmal sortiert und dann in kleinen Gebinden vergoren. Und zwar als Ganztrauben, mit Stielen und Stängeln. Wer jetzt denkt, oh nein, was soll denn das krautige Zeug da drin, findet hier eine sehr dezidierte Beschreibung des Verfahrens. Tatsächlich funktioniert das nur bei absolut gesunden Trauben und bringt dann weniger Farbe und mehr Frische in den Wein. Im Burgund arbeiten beispielsweise Romanée-Conti, Leroy oder Dujac ohne Entrappung – wahrhaftig nicht die schlechtesten Vorbilder. In der Preisgestaltung hört die Vorbildfunktion der großen Burgundwinzer aber zum Glück auf. Die Meunier-Reserve kostet nämlich schlanke 18 € ab Hof.

Schwarzriesling Weinfarben

Auf dem oberen Foto erkennt ihr sehr schön den Heitlinger-Wein als zweites Glas von links an seiner etwas helleren Farbe. Dass damit keine verminderte Intensität einhergeht, merkt man schon in der Nase. Es gibt ein wenig Walderdbeere, vor allem aber viel Frische. Spontan vermerke ich junges Tannengrün, aber diese wirklich attraktive Note ist eher ätherisch und verfliegt dann schnell. Viel Biss gibt es am Gaumen, feine Gerbstoffe, ungemein animierend, aber gleichzeitig absolut ernstzunehmen. Das ist ein Wein, der Spaß und Anspruch miteinander vereint. Wegen dieser helleren Fruchtnoten denke ich bei der Begleitung (wenn man denn Fleisch möchte) eher an Schwein als an Rind, ich denke an eine Vesperplatte – und solo geht das auch gut. Darf ich lecker sagen? Ein sehr erfreulicher Wein jedenfalls.

Weingut Schlör – Schwarzriesling Reicholzheim R

Konrad Schlör Schwarzriesling Reicholzheim R

Das Weingut Schlör in Reicholzheim ist wahrscheinlich am meisten dafür verantwortlich, dass man in Deutschland überhaupt Schwarzriesling als Rotweinrebsorte wieder ernst nimmt. Dabei hilft die Administration tatkräftig mit, das Weingut so gut wie möglich zu verstecken. Es liegt nämlich im unteren Bereich der Tauber relativ kurz vor ihrer Mündung in den Main. Bis dahin hat die Tauber bereits auf wenigen Kilometern die Anbaugebiete Franken und Württemberg durchflossen, um wieder auf badisches Territorium zu gelangen. Bis nach Würzburg braucht man von hier eine gute halbe Stunde, bis zum Kaiserstuhl als badischem Herz sind es über 300 Kilometer. Vielleicht hat diese Abgelegenheit aber auch dazu geführt, dass Konrad und Monika Schlör ganz eigene Wege gegangen sind. Ihr Spitzen-Schwarzriesling namens Fyerst 1476 ist ein wahres Monument, und der R (25 € ab Hof) auch nicht von schlechten Eltern.

In der Nase haben wir hier den dezentesten der vier Top-Schwarzrieslinge vor uns. Eher dunkel und tief geht es zu, ein wenig Havanna, ein wenig schwarze Pflaume. Am Gaumen ist durchaus Holz spürbar, aber es handelt sich hier ja auch um den einzigen 2019er der Reihe. Noch ernsthafter als der Seeger wirkt der Schlör-Wein, schön präsentes Tannin, gut strukturiert, dazu eine kernige Würze, die sich aber ebenfalls mit zunehmender Reife noch mehr einbinden wird. Das wäre dann der entsprechende Begleiter dunkler gehaltener Speisen, Reh, Rotkraut, Roulade.

Weingut Fritz Funk – Pinot Meunier Barrique

Fritz Funk Pinot Meunier Barrique

72% der mit Schwarzriesling bestockten Rebfläche in Deutschland entfallen auf Württemberg. Und dennoch gibt es nicht allzu viele Betriebe, die mit dieser Rebsorte oberhalb des Schoppenschlürfers nach draußen gehen wollen. Und können. Das Weingut Fritz Funk aus Löchgau, unweit des Mittleren Neckartals gelegen, gehört auf jeden Fall dazu. Und obwohl der Betrieb nur 2,2 ha groß ist und ihr möglicherweise noch nie etwas von ihm gehört habt, gibt sich Fritz Funk mit Dauerbegrünung im Weinberg und einer rigoros auf das Notwendige beschränkten Kellerarbeit alle Mühe. Sein Pinot Meunier wird 24 Monate im Barrique ausgebaut und unfiltriert abgefüllt (14 € ab Hof). Der 2017er sei bei ihm praktisch ausverkauft, sagte er mir, und der 2018er deutlich vom trockenheißen Jahr geprägt. Eigentlich sollte man ihm noch ein paar Jährchen der Kellerruhe gönnen…

In der Nase gibt es zunächst einmal Holzanklänge, dazu deutlich Veilchen. Aber ähnlich wie das Heitlinger’sche Tannengrün hält sich der florale Duft nicht bis zum zweiten Tag. Den Ausdruck des heißen Jahrgangs sehe ich hier in erster Linie in der dunkleren Holundermark-Tönung, die natürlich nicht der Offenherzigkeit des Heitlinger-Meuniers entspricht. Dennoch gibt es auch bei diesem Wein nicht mehr als 13 vol%, und wir sind bei allen vier Weinen meilenweit von irgendeiner Form der Überkochtheit entfernt, wie ich sie leider bei den Falstaff-Tastings in Hamburg des öfteren wahrgenommen habe. Mittelgewichtig im Körper, ist dies ein eher blaufruchtiger Vertreter, der wie alle hochwertigen Schwarzrieslinge wirkliches Lagerpotenzial besitzt.

Mein Fazit

Schwarzriesling kann ein süffiger, leichter, fruchtiger Rotwein sein ohne jeglichen Anspruch. Bei geschätzten 95% der in Deutschland produzierten Exemplare ist das auch so, schlimmstenfalls mit ein wenig Restsüße gepimpt. Aber die restlichen 5% lohnen absolut einen Blick. In der Literatur wird häufig davon gesprochen, dass Schwarzriesling prinzipiell leichter und fruchtiger als Pinot Noir sei. Wenn ich mir die hochwertigen Exemplare hier anschaue, ist das für mich aber nicht das wichtigste Unterscheidungsmerkmal.

Vielmehr hatte ich bei allen eine ganz bestimmte Tönung geschmeckt, etwas ätherisch-Kräuteriges, ein bisschen Eukalyptus, fast stahlig, johannisbeerig, und zwar mal auf der helleren und mal auf der dunkleren Seite. Vom Körper her durchweg mittelgewichtig, besaßen alle vier Kandidaten ausreichend präsente Tannine, um nicht nur in den ersten beiden Jahren getrunken werden zu müssen. Ich bin mir nämlich sicher, dass diese Weine sehr vorteilhaft reifen können. Dabei werden sie vielleicht ein wenig an Biss einbüßen, aber an Eleganz gewinnen.

Wenn ich jetzt wirklich sagen müsste, welchen Wein ich davon am liebsten trinken würde, dann wäre ich von der Attraktivität her beim Heitlinger, denn ich mag einfach diese wunderbare Frische, die gleichzeitig alles andere als dünn oder belanglos ist. Von der Ernsthaftigkeit der Substanz her wäre ich vielleicht bei Thomas Seeger, weil bei dem Wein jetzt schon diese Eleganz mit hineinspielt, die die Weine von Schlör und Funk erst in zwei Jahren erreichen werden. Aber mal ganz ehrlich: Das war hier wahrhaftig Best of Schwarzriesling, ein Test, der mir viel Spaß gemacht hat. Auch deshalb bin ich froh, diesem Underdog an Traditionsrebsorte beim ROTEN DEUTSCHLAND einen ganzen Artikel gewidmet zu haben.

Dieser Beitrag wurde unter Wein abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Best of Schwarzriesling / Pinot Meunier

  1. Karl Brunk sagt:

    Hallo Matthias,
    vielen Dank – wieder einmal ! Toller Bericht, der mich besonders mit 3 Bemerkungen erfreut :

    “…,weiß, dass der Müller es wirklich kann. Wenn man ihn richtig anfasst.”

    “Tatsächlich funktioniert das nur bei absolut gesunden Trauben.”

    “Bei geschätzten 95% der in Deutschland produzierten Exemplare ist das auch so, schlimmstenfalls mit ein wenig Restsüße gepimpt. Aber die restlichen 5% lohnen absolut einen Blick.”

    Alle drei Bemerkungen tauchen ja immer wieder – mehr oder weniger direkt angesprochen – in deinen Berichten auf. Und sie haben für mich auch viel Bedeutung.
    Sie deuten hin auf den Respekt des Winzers vor seinen “Material” , Boden, Weinsorten, Alter und Wetterverlauf. Dadurch wird hochtechnisierte Verarbeitung, die ja beileibe kein Garant für Qualität ist, oft hinfällig.
    Dieser verinnerlichte und ehrliche Respekt ist für mich ausschlaggebender, als Label oder tolle Bewertungen. Ja selbst die Reputation eines Winzers führt sich oft nicht darauf zurück und dann bleibt es bei der Reputation, die sich irritierender Weise im Wein nicht niederschlägt. Dann bleibt es oft bei einer Art Renommee- oder Publicitypimping.
    Auch schon oft angesprochen, dieser Respekt ist selbst in der Vin naturel-Szene nicht automatisch gegeben, nur weil es “nette” Leute sind. Dort stehen gewisse Künstlerprofilierungs- ja fast eine Allmachtsfantasie der naiven Art im Weg und so würde ich die 95 / 5 Prozente auch auf diese Szene übertragen. Leider – so verbunden ich auch selber damit bin. Vielleicht sind es ja auch 80/20? Und die 80er bleiben trotzdem nette Leute.
    Für mich bleibt diese Art Respekt aber die Grundvoraussetzung, um guten Wein zu machen.
    Die andere Bemerkung darf ich aber – auch wenn sie wohl rhetorisch ist, nicht unkommentiert lassen :
    “Darf ich lecker sagen?”
    Natürlich und zum Glück! Also Glückauf und weiter so.
    Karl
    PS. Mit einem Schwarzriesling konnte ich vor Jahren auch Robert Plageoles glücklich machen, der als Erster und bis heute vielleicht sogar der einzige Winzer in der Welt ist, bzw. war, der einen Mauzac noir produziert. Übrigens auch hier wie beim Schwarzriesling, hat der noir nichts mit der namensgebenden Rebe Mauzac zu tun.

    • Matze sagt:

      Ja, wenn du Winzer fragst, werden dir die allermeisten sagen, “der Wein muss im Weinberg entstehen”. Du kannst zwar nachher die Richtung modifizieren, also durch Ausbauform und -art, aber die Traubenqualität ist natürlich in dem Moment fix, in dem du sie einbringst 😉 . Die 5% waren jetzt aber nur ein total willkürlicher Wert, wobei ich sagen muss (ich bin ja noch fleißig am Testen), dass die junge Generation in Deutschland jetzt einfach ganz andere Fertigkeiten (also Wissen und Wollen) beim Rotwein hat als davor. Da ist das Niveau schon erheblich gestiegen.

      Mauzac Noir habe ich übrigens sogar schon mal probiert, wenn ich mich nicht täusche. Bei einer Plageoles-Probe in Belgien, ist aber schon eine Weile her… Duras und Prunelart habe ich aber zumindest noch im Keller.

      • Karl Brunk sagt:

        Hallo Matthias,
        Klar mit den Prozenten ist das immer so eine nicht wirklich veri- oder falsivizierbare Sache. Es kam mir drauf an, das die Winzer eins sind und die Qualität ihrer Weine dann später was anderes. Was nicht unbedingt übereinstimmen muss, man aber selber die Weine, weil sie eben nett oder guten Willens sind, etwas zu wohlwollend sieht.
        Ob das Niveau erheblich gestiegen ist – ? – da kann ich jetzt leider nur von der jungen Szene hier unten im Südwesten sprechen, aber da sind wir wieder bei der immer noch ausstehenden Debatte über Niveau, Güte, Qualität. Was ist das ?
        In einer Hinsicht kann ich zustimmen. Zunehmend schafft die junge Garde es, angenehm süffige und meist fehlerfreie Weine zu machen.
        ——–
        Würde mich sehr interessieren welche Jahrgänge Du vom Duras und Prunelart hast. Da bin ich durch einen Kumpel in Köln, der jedes Jahr vom Plageolessortiment einen Karton bekommt und immer noch von Jahrgängen, die es bringen, herunter bis Anfang 2000er hat, bestens informiert. Einige sollte man da doch eher nicht zu lange liegen lassen.
        Schön zu hören auf jeden Fall, dass dich solche Weine so sehr animiert haben, etwas mit zu nehmen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.