Was denn, 20 Jahre alt??? Als Juror beim Silvanerpreis

Silvanerpreis Castell

So richtig gut meinte es das Wetter nicht bei der Großen Exkursion der Vereinigten Jury der Silvanerinnen und Silvaner Test… Preis… Silvanerpreis… Gut, I’ll come in again. Also: Es gibt seit mittlerweile 23 Jahren einen eingetragenen Verein namens Silvaner.Forum. Dieser hat sich zum Ziel gesetzt, die Vorzüge dieser nun wirklich sympathischen Rebsorte überregional bekannt zu machen. Aus diesem Grund rief das Forum zum mittlerweile elften Mal eine nicht unprominent besetzte Runde von Testerinnen und Testern zusammen, um in fünf Kategorien in einer Blindprobe die besten Silvaner zu küren. Nur jeweils einen Sieger pro Kategorie allerdings, da ist die Rebsorte selbst vermutlich etwas großzügiger als das Forum. Oben auf dem Foto seht ihr die versammelte Runde auf der Kanzel im Casteller Schlossberg. Aber das Wetter… ihr wisst es ja schon.

Die älteste Parzelle

Sylvaner Creutz Luckert wurzelecht

Bevor ich wieder zurück zum Silvanerpreis und meinen Favoritenweinen komme, erst einmal ein paar Silvaner-Eindrücke rundherum. Angereist bin ich nämlich zusammen mit meinem werten Jury-Compagnon Christoph Raffelt über den schönen Ort Sulzfeld am Main. Dort befindet sich, gehegt und gepflegt vom Weingut Luckert, die sicherlich älteste praktisch reinsortige und auch noch wurzelechte Silvanerparzelle der Welt. Was aussieht wie zwei unterschiedliche Rebstöcke, deren Triebe oben zusammengebunden sind, stammt unter der Erde aus einer einzigen Wurzelknolle. Knapp 150 Jahre alt sind diese Reben. Über den Sylvaner Creutz, der aus ihnen gekeltert wird, habe ich hier schon berichtet.

Das älteste Dokument

Silvaner Urkunde 1659

Noch älter als die Creutz-Rebstöcke ist dieses Dokument, das wir im Original im Fürstlich Castell’schen Archiv bewundern konnten. Im April 1659 wird dort nämlich berichtet, dass die von Georg Kraus aus Obereisenheim erstandenen Österreicher-Setzlinge im Casteller Reitsteig angepflanzt worden sind. Österreicher, das ist der alte Name des Silvaners, weil man die Reben ursprünglich aus Österreich kommen ließ. Interessant ist dabei, dass in Österreich selbst heutzutage kaum noch Silvaner angebaut wird, während er in seiner neuen Heimat deutlich mehr geschätzt wird.

Der meiste Silvaner wird derzeit in Rheinhessen angebaut, gefolgt von Franken, deutlich dahinter die Pfalz, das Elsass, Südtirol und das Wallis. Und genau aus diesen Herkünften stammten die Kandidaten für den diesjährigen Silvanerpreis, ganz korrekt den 11. Internationalen Preis des Silvaner.Forums. Vor zwei Jahren, bei der letzten Ausgabe dieses Wettbewerbs, war ich auch schon dabei und konnte dann neben den Gewinnern meine persönlichen Favoriten der Weinguter Schätzel, Rothe, Knoll und Höfling vorstellen. Wie würde es also diesmal aussehen?

Silvanerpreis-Tasting – meine Lieblinge

Silvanerpreis Tasting

Bei der diesjährigen Ausgabe, die wieder einmal großartig von Andreas Göpfert, Hermann Mengler und dem gesamten Haus des Frankenweins organisiert wurde, gab es eine kleinere Jury, die entsprechend mehr probieren durfte. Blind, versteht sich, aus neutralen Flaschen, in Vierer-Flights und in fünf Kategorien. Niemand wusste, was da ins Glas kam, aber wir durften am Tisch natürlich diskutieren, unsere Eindrücke austauschen, jauchzen oder erschaudern. Nur die Punkte für die einzelnen Weine, die vergaben wir dann unabhängig voneinander nach reichlichem Testen, Reden und Überlegen. Welcher Wein also letztlich in welcher Kategorie tatsächlich gewonnen hat und als Preis die üppig vergoldete Rebschere mit nach Hause nehmen darf, das wissen wir bis heute nicht.

Allerdings konnten wir in den Tagen nach der Probe bestimmte Weine aus Vorrunde und Semi-Finale, die uns besonders gefallen hatten, beim Veranstalter erfragen. Unter der Voraussetzung, dass wir uns die jeweiligen Codes gemerkt, sprich aufgeschrieben hatten. Hier folgen also meine Favoriten in den einzelnen Kategorien.

Jederzeit

Jederzeit, das sind angenehme Alltagsweine. Immer aus dem aktuellen Jahrgang (in diesem Fall 2020), weingesetzlich trocken und vom Alkohol her höchstens bei 12,5 vol%. Das sind die Bedingungen beim Silvanerpreis, und ehrlich gesagt ist das doch sehr vernünftig.

Tatsächlich aber ist mir weder in der Vorrunde noch im Semi-Finale noch im Finale ein Wein als so besonders aufgefallen, dass ich ihn hier herausheben möchte. Viele waren wirklich angenehm, aber vor lauter Fehlerfreiheit hat vielleicht ein bisschen der Mut gefehlt, irgendwo eine Kante zuzulassen. Bezeichnend war, dass wir (= alles Profis) im Finale bei vier Kandidaten jeweils unterschiedliche Favoriten hatten. Da möge bitte die Arithmetik entscheiden.

Herausragend

Weinblatt Herbst

Die Kategorie “Herausragend” ist beim Silvanerpreis recht offen gehalten. Die Untergrenze von 12 vol% erreichen vermutlich nur die Weine von Stefan Vetter nicht (die natürlich trotzdem de facto herausragend sind), und bei der Ausbauform konnte alles dabei sein.

In der Vorrunde hatte ich zwei Favoriten, die interessanterweise beide aus dem schlankeren Jahrgang 2017 stammten. Einer davon war der 2017er Leiten Alte Reben vom Weingut Apfelbacher. Erst ein leichter Reduktionston in der Nase, dann schlank, mineralisch, fein, ein Vergnügen. Für den Sieg hat der Dettelbacher vielleicht etwas zu wenig Mitte, aber das ist definitiv ein toller Wein! 12,50 € ab Hof, 12,5 vol% auch nur – und im Bocksbeutel.

Sehr mutig im Elsass-Stil kam die 2019er Selection vom Weingut Doll & Göth aus dem Stadecker Lenchen daher. Eine Rheinhesse, das ist doch wirklich schön. Ziemlich viel Würze und Feuer und definitiv ein potenzieller Siegerwein – auch wenn mir ganz persönlich diese schlank-rauchige Note vom Apfelbacher-Silvaner sogar noch mehr liegt.

Letzter Tipp in dieser Kategorie: Wer es gern ein bisschen gefälliger mag, fruchtig, aprikosig, lecker gar, und trotzdem nicht auf Würze und Stoff verzichten möchte, sollte unbedingt mal den 2019er Sommeracher Katzenkopf vom Weingut Freihof versuchen. Nicht der komplexeste Silvaner, den ich kenne, aber mit seiner feinen Frucht ist das ein crowd pleaser im besten Sinne. Und bei weniger als 10 € nun wirklich alles andere als ein Risiko.

Wie ihr seht, hatte diese Kategorie tatsächlich stilistisch sehr unterschiedliche Ansätze zu bieten. Einen absolut herausragenden Wein nach meiner persönlichen Diktion gab es hier zwar nicht, aber eben viele sehr gute zu meist ebenso angenehmen Preisen.

Anders

“Anders”, das ist eigentlich meine Kategorie. Logisch, schließlich stelle ich im “Natürlichen Dienstag” hier wöchentlich Weine vor, von denen die meisten genau in diese Rubrik passen. Die Ausbauform war beim Silvanerpreis frei wählbar, nur bei der Restsüße wollten wir hier lediglich 5 g haben.

Unglücklicherweise begegnete mir mein letztlicher Favorit erst im Finale, weshalb ich den Namen leider nicht erfahren habe. Sollte dieser Wein tatsächlich auch Gesamtsieger werden, möchte ich wetten, dass alle sagen “okay, war ja klar…”. Ein hochwertiger Vertreter jedenfalls, gar keine Frage, dicht, komplett, nicht total konfrontativ, leicht holzgeprägt noch. Vom Stil her könnte es Manfred Rothe sein, aber haut mich nicht, wenn ich daneben liege.

Bezaubernd

Vollernter

Wenn euch ein solches Gefährt auf der Straße begegnet, wisst ihr ganz genau, dass damit nicht die Trauben für einen Silvaner der Kategorie “Bezaubernd” eingebracht werden. Bezaubernd sind nämlich mindestens Beerenauslesen, also aus sehr süßen, sehr späten, ausgelesenen Trauben.

Fieserweise war es auch in dieser Silvanerpreis-Kategorie so, dass ich meine Favoriten erst im Finale traf. Nämlich einen 2015er, der vergleichsweise leichter und trinkiger wirkte, im Stil einer Beerenauslese, und einen 2019er, der dicht, dick und intensiv, aber dennoch pikant war. Sorry, keine Namen deshalb möglich. So richtig überraschend wäre es allerdings nicht, hier einen Wein vom Weingut Horst Sauer zu finden – denn wer macht sonst solche Silvaner-TBAs?

Souverän

Casteller Schlossberg

Das Highlight der ganzen Veranstaltung, also rein weintechnisch gesehen, war für mich diese Kategorie. Erst dachte ich, naja, mindestens zehn Jahre alt müssen die Silvaner hierfür sein, das ist doch ein bisschen übertrieben. Auch die besten unter ihnen möchte ich eigentlich eher so nach acht Jahren trinken.

Aber gleich im ersten Flight wurde ich eines Besseren belehrt, denn da gab es ein Exemplar aus dem Jahrgang 2001. 20 Jahre alt, ihr habt es in der Überschrift gelesen. Natürlich gibt es da Reifenoten, einen gewissen Firn. Aber der Rest war wirklich absolut souverän, weil einfach total ausgewogen. Es gab Stoff und Dichte, es gab aber auch Säure und Frische, dazu ein feines Holz. Tatsächlich handelte es sich um den 2001er Apriles vom Weingut Castell. Minimal müssen übrigens noch zwölf Flaschen je Wein im Weingut vorhanden sein, um in dieser Kategorie mitmachen zu können. Viel ist das natürlich nicht.

Viel wird es auch vom 2008er Ab Ovo vom Weingut Rainer Sauer nicht mehr geben. Aber zur Not, mit viel Geduld und guten Lagerbedingungen könnt ihr euch jetzt den 2019er kaufen, und wir sprechen uns dann ein bisschen später wieder. Das ist nämlich ein zwar ebenso gelb gereifter, aber schlanker, lebendiger und einfach sehr eleganter Typus.

Ebenfalls wirklich stark und fast genauso alt wie der Apriles war die 2002er Innere Leiste Spätlese vom Staatlichen Hofkeller. Und im Finale wartete dann noch ein absolut fantastisches Exemplar aus dem Jahrgang 2011 auf uns. Eine leicht karamellige Reife, aber ein absolut eleganter Fluss, unheimlich fein und jetzt auf seinem absoluten Höhepunkt. Was es war? Wüsste ich auch gern.

Die Schönheit der Weinlandschaft

Escherndorfer Lump

Auch nach dem Ende der wirklich rundum schönen Veranstaltung mit vielen netten Leuten (für ein g’scheites Namedropping schaut bitte in meinen Instagram-Post) wurde das Wetter nicht wirklich besser. Trotzdem bietet es sich natürlich an, auf dem Weg von Würzburg nach Bamberg noch mal bei einer sehr sehr klassischen Lage vorbeizufahren. Auf dem Foto oben seht ihr dementsprechend den Weinort Escherndorf vorn, den Weinort Nordheim dahinter, und ringsherum ist alles Lump.

Wenn mir der Silvanerpreis auch noch ohne Preisverleihung schon jetzt eine Erkenntnis gebracht hat, dann die, dass ich vielleicht doch mal ein passendes Fläschchen 20 Jahre lang im Keller lassen sollte. Verbunden mit der Hoffnung, dass mein Geschmackssinn bis dahin mich nicht im Stich lässt…

P.S. Sobald die Siegerliste bekannt ist, kommt an dieser Stelle der Link.

Und schon ist es soweit. Auf der Frankenwein-Seite könnt ihr alles über die fünf Gewinner und die Platzierten lesen. In Wirklichkeit nämlich haben gewonnen:

  • die Winzer Sommerach in der Kategorie Jederzeit (Familiengewächs Alte Reben 2020)
  • das Weingut Freihof aus Sommerach in der Kategorie Herausragend (Sommeracher Katzenkopf 2019)
  • das Weingut Rothe aus Nordheim in der Kategorie Anders (Indigenius 2019)
  • das Weingut Max Müller I aus Volkach in der Kategorie Souverän (Eigenart 2011) und
  • das Weingut Höfling aus Eußenheim in der Kategorie Bezaubernd (Beerenauslese Stettener Stein 2015)
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4 Antworten zu Was denn, 20 Jahre alt??? Als Juror beim Silvanerpreis

  1. Thomas Riedl sagt:

    Hallo Matthias,

    jetzt machst Du mich aber neugierig in Anbetracht der ganzen fehlenden Namen.

    Es klingt besserwisserisch, ist aber trotzdem wahr: Handwerklich sauber erzeugter Silvaner (Handlese, reduzierter Ertrag usw.) wird hinsichtlich seiner Flaschenreifungsfähigkeit ebenso unterschätzt wie ebenso vinifizierte Portugieser.
    (Wobei der Portugieser der “räudige underdog” ist…)

    Ich denke, es ist dem immens angewachsenen, akademischen Wissen und der Experimentierlust der Winzer*innen (Neues Holz und andere Materialien, Maischestandzeit und -gärung, bâtonnage) zu verdanken, dass hochwertige Silvaner schon seit 20 Jahren in aller Regel sehr gut reifen können.
    Ja, sie müssen es teilweise sogar. Weine vom Keuper und vom Buntsandstein erreichen nach meiner Erfahrung erst nach 5 Jahren Flaschenreife ihr Optimum und halten es gut.

    Das Castell’sche Domänenamt, Egon Schäffer, Rainer & Daniel Sauer, May, Weltner, Ruck und Wirsching sowie Porzelt sind da die bekannten Namen. Stich kennen im Glas schon nicht mehr so viele. Auch Thörle’s “Probstey” schafft locker 10 Jahre.
    Ich traue es auch Garlider, dem Pacherhof und einigen anderen aus dem Eisacktal zu, wenn die Weine nicht zu alkoholisch geraten.
    Hast Du noch eigene Erfahrungen mit gereiften Silvanern und Sylvanern? Insbesondere aus dem Elsass? Da dürfen ja nur im Zotzenberg Grand Crus aus der Sorte gewonnen werden.

    Beste Grüße

    Thomas

    • Matze sagt:

      Ich glaube, es dauert nicht mehr allzu lang bis zur Auflösung, wer denn gewonnen hat. Solange müssen wir uns in der Hinsicht allerdings noch gedulden 😉 .

      Was andere gereifte Silvaner anbelangt, ja, ein paar Erfahrungen habe ich natürlich. Neben den von dir eh schon genannten. Manfred Rothes Indigenius reift ganz hervorragend, die Keuperweine vom Weingut Brügel sind auch definitiv eine sichere Bank. Stefan Vetter und Stephan Kraemer in gereift sind sehr spannende Sachen, aber natürlich schon ein bisschen entfernt vom “normalen” gelb-dichten Tischwein.

      Im Elsass hatten mir besonders die Sylvaner von Weinbach und von Ostertag gefallen. Die meisten (auch Boeckels Zotzenberg) sind ja eher ein bisschen stärker ausgerichtet, gerade in wärmeren Jahren. Weinbach und Ostertag wirken da deutlich luftiger, fast so, als müsste man sie jung trinken, keine “großen” Weine. Ich glaube aber, dass man sich da ganz schön täuschen kann. Jedenfalls habe ich den 2017er Weinbach erstmal in den Keller gelegt…

      Was ich superspannend finden würde, wäre ein Silvaner aus dem Grenz-Viereck Kroatien, Serbien, Rumänien und Ungarn. Da wird die Rebsorte ja seit Ewigkeiten angepflanzt, aber es dringt praktisch kein Wein nach draußen. Und ich weiß gar nicht, ob es überhaupt ein höherwertigeres Exemplar gibt. Aber wenn ich an Edgar Brutler oder Oszkár Maurer denke, gibt es da zumindest Leute, die sowas auf jeden Fall könnten…

  2. Randnotiz: Mein persönlicher Favorit bei der Slow-Food-Verkostung (21.10.21 via Zoom mit Gerd Sych und Josef Engelhart und den beteiligten Winzern) waraus dem Teufelskeller: Weingut Bernhard König Randersacker: Blauer Silvaner 2019 [www.weingut-koenig.de/weineinkauf/blauer-silvaner]. Ich fand das ein schönes, würziges, aromatisches Ding mit Schmelz und Schmack!

    • Matze sagt:

      Ja, ich kann mich auch daran erinnern, bei irgendeiner Verkostung der letzten Zeit ( 😉 ) einen König-Silvaner sehr weit vorn gesehen zu haben. Ich hatte sogar einen alten, halbtrockenen Silvaner von ihnen jahrelang im Keller liegen… – aber seitdem hat sich im Weingut sicher viel getan.

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