Natürlicher Dienstag # 109 – AntocyÂme Sparkling Merlot

AntocyÂme Sparkling Merlot

Merlot, meine Lieblingsrebsorte! Just joking. In Wirklichkeit gibt es wenige Rebsorten, die für mich so 20. Jahrhundert, so Parker-ish, so wenig angesagt in der zukunftsgewandten Sommelerie sind wie Merlot. Nein, sagt nicht Dornfelder wäre das auch, denn Dornfelder hat nie reihenweise mit 100 Parker-Punkten bedachte Weine produziert. Merlot schon. Deshalb war ich wirklich extrem gespannt, was Muriel Zoldan aus dem französischen Südwesten mit ihrer Domaine AntocyÂme aus den Merlottrauben holt. Auf jeden Fall etwas ganz anderes. Denn ihr Du Raisin à la Lune ist ein Sprudler.

Du Raisin à la Lune – Unruhiger Merlot von AntocyÂme

AntocyÂme ist, ihr werdet es vermutet haben, ein Kunstname. Er setzt sich zusammen aus den allerdings mit H geschriebenen Anthocyanen und âme, französisch für Seele. Anthocyane sind nicht nur einfach blaurote Farbstoffe, sondern sie gehören zur Gruppe der Polyphenole mit allerlei positiven Eigenschaften.

Muriel stammt aus dem französischen Südwesten und hatte zunächst Chemie studiert und dann ihr Diplom in Önologie gemacht. Anschließend arbeitete sie für verschiedene Unternehmen im Languedoc-Roussillon, bevor es sie dann doch wieder mehr auf die Atlantikseite verschlug. Ein bisschen jedenfalls. Im Jahr 2017 stand nämlich die ehemalige Domaine du Biarnès im Dörfchen La Salvetat-Belmontet zum Verkauf. Diese Gelegenheit, ein eigenes Weingut zu besitzen, wollten Muriel und ihr Partner Benjamin nicht verstreichen lassen. Seitdem verfügt Muriel über 7,5 ha Rebland, das sich in Alleinlage fast direkt hinter dem Haus erstreckt. Es gibt Felder, Wiesen, Wälder, Hügel und kleine Dörfer – eine sehr abwechslungsreiche, polykulturelle und für Sensationssucher komplett unspektakuläre Landschaft.

Die Domaine AntocyÂme ist biologisch zertifiziert, praktiziert draußen biodynamische Methoden, und im Keller wird hart am vielgerühmten kontrollierten Nichtstun gearbeitet. Zusatzstoffe sind bis zu dem Grad verpönt, dass auch bei der Füllung keine Schwefelgabe erfolgt. An roten Rebsorten (und entsprechenden Weinen) gibt es Tannat, Abouriou, Cabernet Franc, Syrah und eben Merlot, in Weiß stehen Chardonnay- und Sauvignon Blanc-Reben im Feld.

Wie schmeckt der Wein?

Auf dem Etikett des Du Raisin à la Lune erfährt man schon so einiges, was den Wein ausmacht. Es ist ein Merlot pas tranquille, ein definitiv unstiller Wein, oder konkreter ein PetNat. Der geringe Alkoholgehalt von 10,5 vol% deutete für mich zunächst darauf hin, dass es sich um eher früh gelesene Trauben mit einer vermutlich erfrischenden Säure handelt. Aber nein, weit gefehlt!

Nach dem Öffnen des Kronkorks steigt ein kräuteriger Duft in die Nase, kleine rote Beeren, deutlich auch mit einem leicht mostigen Anklang. Mehr naturel als gedacht. Am Gaumen verstehe ich dann auch komplett, was Muriel mit ihrem „Lambrusco aus dem Südwesten“ gemeint hat. Der vergleichsweise niedrige Alkoholgehalt kommt nämlich auch dadurch zustande, dass ein wenig Restzucker im Wein verblieben ist. Das ist so ein Fall, bei dem eine persönliche Verkaufsberatung durch Fachfrau oder Fachmann enorm hilfreich sein kann.

Nachdem sich meine leichte Verblüffung nach dem ersten Schluck nämlich gelegt hat, merken J. und ich, wie diese durchaus ungewöhnliche Geschmackskombination aus Erdbeere, Pflaume, dem Cidre Normand-artigen Anteil, den mittleren Tanninen, dem Zuckerschwänzchen und natürlich dem Perlen zu Speisenkombinationen anregt. Obwohl das Etikett so modern wirkt, ist das ein total un-hipsteriger und irgendwie sympathisch bäuerlicher Trunk. Ich schlage vor: Rotschmierkäse, Mortadella, Quiche, indisches Chutney, das rote Frucht vertragen kann, würzige Snacks wie Käsecräcker oder Sauerteig-Kräuterplätzchen. Wow, so eine wilde Mischung hätte ich nie und nimmer erwartet.

Wo habe ich ihn gekauft?

Ich habe den Du Raisin à la Lune der Domaine AntocyÂme, mithin den perlenden, zartsüßen Merlot, bei der Vincaillerie in Köln erstanden. Surk-ki könnte die einzige in Deutschland sein, die nicht nur diesen, sondern auch andere Weine von Muriel Zoldan im Angebot hat. 17 € kostet er dort. Das ist ein Wein für kreativ denkende Menschen, der wirklich Spaß macht.

Dass man die Weine von AntocyÂme (außer einem unvermeidlichen dänischen Importeur) fast ausschließlich in Frankreich selbst bekommt, liegt sicher auch daran, dass die Herkunftsregion so unbekannt ist. Wenn es sich nicht wie in diesem Fall um einen Vin de France handelt, heißt die Appellation nämlich Coteaux et Terrasses de Montauban. Schon mal gehört oder einen Wein von dort probiert? Ich vorher noch nie. Dabei ist Montauban nicht nur eine in seinem Zentrum äußerst nette Stadt mit diesen rosaroten Backsteinbauten und einem weithin berühmten Wochenmarkt. Auch drum herum im ebenso wenig sensationsheischenden Département Tarn-et-Garonne gibt es wirklich viele sehr nett anzuschauende Ziele, wie ich bei einem zufälligen Stöbern auf der Seite des Tourismusverbands feststellen konnte.

Vor einigen Jahren war ich schon einmal in Südwestfrankreich – und nach Besuchen von Toulouse und Jurançon habe ich festgestellt, dass man dort wirklich sehr gut leben kann. An gutem Essen und Trinken, liebe Rentner in spe, soll es dort jedenfalls nicht mangeln. Da macht sogar der Merlot Spaß…

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4 Kommentare zu Natürlicher Dienstag # 109 – AntocyÂme Sparkling Merlot

  1. Karl Brunk sagt:

    Hallo Matthias,
    ich kenne die Weine vom ersten Jahrgang an – ist ja direkt bei mir um die Ecke – sprich 15 km – und hatte die ersten auf einer unserer jährlichen sehr lohnenswerten Veranstaltungen probiert (https://www.terresdegaillac.com/actualites).
    Spannend bei den beiden ist ihr Rebsortenbestand. Da die Gegend nie irgend eine Bedeutung im Weinwesen hatte und heute noch nicht hat, braucht sich dort auch niemand an irgenwelche ortstypischen Rebsorten halten. Es ist ein Gemisch aus Cot du Quercy, Cahor, Fronton, Gaillac und dem genau so unterschatzten Gebiet Gers.
    Alle Sorten sind bekannt, aber!! wegen der völlig anderen klimatischen Verhältnisse und anderer Böden, bieten sie dort auf jeden Fall etwas anderes, Unbekanntes. Ich würde nicht sagen sensationell Besseres. Aber das, plus die Freiheit durch mangelnde Restriktionen nicht vorhandener Verbände, läßt viel Spielraum sich kreativ auszuleben. Das gelingt manchmal – wie wir bei Vin naturel ja schön des Öfteren gesehen haben. Der Schäumer ist auf jeden Fall eine Überraschung.
    Wegen des Merlots noch. Das Parker uns da einen Bärendienst geleistet hat mit seinem Faible für Bordeauxweine, in einer Zeit wo solche Leute neben den Verbänden quasi Normen geformt haben, wie ein Merlot auszusehen und zu schmecken hat, ist in der Nachsicht bedauerlich, wird ja seit einiger Zeit glücklicher Weise aber zunehmend der Geschichte zugeschrieben. Gerade die Bewegung um Vin naturel und eine genauere Beachtung anderer als den tradierten Weinanbauregionen, öffnet da ein neues Universum.
    Noch spezieller wegen des Merlot. Was die Sorte sonst noch sein kann zeigt ein Sohn von einem unserer ganz großen Winzer. Romain Plageoles hat mit seiner Frau Fanny Papelard (https://www.facebook.com/people/2P-Production/100052717886567/)
    einen Merlot im Sortiment, der nach drei – fünfjähriger Lagerung einem die Schuhe auszieht. Romain ist viel in der Weinwelt unterwegs gewesen bevor er mit seinem Bruder das elterliche Gut komplett übernommen hat. Dort ist er allerdings wegen des Namens und der 5 Generationenphilosphie zu eingeengt und hat deshalb quasi ein Sekundärgut mit seiner Frau aufgezogen, um dort einiges anders zu machen.
    Durch die Bank fantastico! Wer also meint, Merlot zu kennen und das Merlot nur so-und-so zu schmecken hat, der sollte einmal die Augen öffnen und sich ernsthaft hinterfragen.
    schöne Grüße und weiter viel Spaß beim Entdecken
    Karl

    • Matze sagt:

      Das ist ja super, dass du das Weingut so gut kennst. Okay, an der Quelle, ich weiß 😉 .

      Das mit Romain Plageoles und Fanny Papelard klingt auch extrem spannend. Ich habe gleich mal nachgeschaut, wer denn die Weine führt außerhalb Frankreichs. Tja, Jenny & Francois mal wieder, ein paar Einschlägige, aber niemand in Deutschland, wenn ich mich nicht vertan habe. Schade. Aber vielleicht kommt das ja noch.

      Ich kann übrigens sehr gut verstehen, dass sich Romain Plageoles vielleicht ein bisschen erdrückt gefühlt hat von den familiären Vorgaben. Es ist ja auch wirklich eine wahnsinnige Pionierarbeit, die Bernard und vorher Robert geleistet haben. Bei mir steht noch der 1997er Vin de Voile im Keller. Weiß gar nicht, wann ich mich da mal rantrauen soll 😉

  2. Karl Brunk sagt:

    Guten Abend Matthias,
    Den 2PP hatte ich bis November noch im Kölner Lager stehen. Jetzt gibt es nur noch einige Flaschen bei mir. Aber vielleicht kann ich Dir ja eine Flasche als Flaschenpost zukommen lassen wenn nicht schon wieder alles ausverkauft ist. Dann erst nächtes Jahr.
    1997er – der dürfte immer noch so frisch sein wie der Macher selber wenn ich ihn Freitags schnellen Schrittes auf dem Markt in Gaillac zufällig treffe. Damals (97) war Robert ja gerade noch selber auf der Domaine mit zu Gange. Du musst Dir auf jeden Fall in keiner Weise Sorgen machen. Er kann noch bedenkenlos liegen, aber man könnte ihn auch bedenkenlos jetzt genießen. Außerdem kann man die ja auch ohne Schwierigkeiten geöffnet (sogar ohne Vakuumstopfen) über Monate genießen.
    Anzusiedeln wäre er zwischen Oloroso und Palo cortado.
    Wenn Du ihn aufmachst hoffe ich, dass Du dich geschmacklich noch genau an deine ND N°73 erinnern kannst. Das wäre interessant zu erfahren.
    schöne Grüße
    Karl

    • Matze sagt:

      Ja, so ähnlich hatte ich mir das gedacht, ein etwas südlicherer Vin Jaune. Und Sorgen mache ich mir in der Tat keine, im Gegenteil, die Lagerbedingungen sind gut. Es heißt ja immer, man könne einen Vin Jaune 50 Jahre und länger aufheben. Nur leider habe ich einen solchen noch nie getrunken. Also habe ich mir gedacht, muss ich es wohl selbst mal ausprobieren und ein bisschen warten… 😉

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