Curry an einem regnerischen Sonntag in Tokio

Sonntag Regen Tokio

Es ist Sonntag, und es regnet. Eigentlich hatte der Wetterbericht es ganz anders angekündigt. Eigentlich wollte ich im Park ein bisschen spazierengehen. Aber der Pazifik ist das größte Meer der Welt und direkt nebenan. Das vergisst man manchmal in Tokio. Eine kleine Regenwolke zu erschaffen, ist für ihn kein Problem, schwupps, da ist sie. Also werde ich heute am Sonntag am Schreibtisch sitzen und mittags schnell rausgehen zum Curry essen. So wie viele andere hier.

Sonntag Regen Tokio

Die Straßen sind leer hier draußen. Aber auch wenn die Büroangestellten nicht arbeiten müssen, viele Geschäfte haben trotzdem geöffnet. In den großen Shopping Malls in Shinjuku oder in der Tokyo Station kann man bei diesem Wetter kilometerweit bummeln, ohne das Tageslicht dabei zu sehen. Oder einen Schirm aufspannen zu müssen, denn nass werden die Leute gar nicht gern.

Im Curry-Restaurant

Curry Tresen Tokio

Ich gehe ins Curry-Restaurant und setze mich an den Tresen. Im Stadtgebiet von Tokio muss man fast nie weit gehen, um zu einem kleinen Restaurant zu kommen. Bei mir im Umkreis von 200 Metern zählt Tabelog genau 68 solcher Etablissements, und Shin-nakano ist wahrhaftig nicht der Nabel der Tokioter Welt.

Neben mir am Tresen sitzen vier junge Männer und eine junge Frau, die alle einzeln gekommen sind und jetzt an ihren Smartphones spielen oder in einem Manga lesen, bis das Essen kommt. Ich stelle mir vor, dass sie aus den ländlichen Gegenden nach Tokio gezogen sind, weil es hier alles gibt. Die einen studieren vielleicht und haben sich von ihren Lehrbüchern erhoben, die anderen haben nachts gefeiert und frühstücken jetzt erst, und wieder andere arbeiten als Verkäufer in einem Elektronikladen in Shinjuku und müssen nachher noch zur Schicht.

Manga Tokio Currybar

Hinter uns gibt es ein Regal mit – kurz durchgezählt – vielleicht 700 verschiedenen Manga-Titeln. Nach meiner bisherigen Beobachtung (ich muss zugeben, als großer Gourmet wahrhaftig nicht zum ersten Mal in einer Currybar in Tokio zu sein) sind dies Orte, an denen sich Nerds wohlfühlen. Und die Stammgäste sollen ja auch ein bisschen Auswahl beim Lesen haben. Ein feierlicher Sonntag mit einem großen Familienessen dürfte nicht so ihre Sache sein.

CoCo Ichibanya

Curry CoCo Ichibanya Tokyo

Damit der Alltag auch perfekt ist, bin ich nicht in einen kleinen Curry-Schuppen gegangen, sondern in eine von 1.200 japanischen Filialen der Curry-Kette CoCo Ichibanya. Natürlich kann man auch in Japan schlecht essen, aber ehrlich gesagt ist das sehr sehr selten. Vor allem, weil man ja nicht „das eine“ Lokal nebenan aufsuchen muss, weil es nur eins gibt, sondern, nun ja, 68 innerhalb von 200 Metern.

Nach fünf Minuten kommt das Essen. Ich hatte knusprig frittiertes Hühnchen bestellt, dazu Tartar-Sauce und ein weiches Ei. Kostenpunkt: gut 7 €. Schärfegrad 3 übrigens, man kann hier zwischen sechs Stufen wählen. Vegetarische Curries und Halal-zertifizierte gibt es ebenfalls, es soll für alle gesorgt sein. Und ehrlich gesagt schmeckt es richtig gut – und auch ein bisschen nach Nerd am Sonntag. Im Hintergrund dudelt dazu 90er Jahre-Jazz mit einem Keyboard als Flächeninstrument.

Sonntag als Alltag

Sonntag Regen Tokio

In wenigen Minuten bin ich wieder zurück in meiner Bleibe. Wie üblich in Tokio, wohnt man hier eng aufeinander auf kleinem Raum. Das bedeutet, dass alle sich ruhig verhalten müssen, um sich nicht gegenseitig zu stören. Und den Müll muss man auch korrekt trennen.

Auf dem Balkon, den kein Mensch hier zum Sitzen nutzt, sondern um die Wäsche zu trocknen, erwarten mich nasse Gummilatschen. Mein Nachbar scheint mit diesem Wetter auch nicht gerechnet zu haben, denn auf seinem Balkon baumelt nasse Wäsche träge auf der Leine. Und so gehe ich wieder an den Schreibtisch und setze meinen ganz gewöhnlichen und nicht sonderlich glamourösen Sonntag in Tokio fort.

Allerdings fasse ich dabei den spontanen Entschluss, erst einmal einen kleinen Artikel über diesen Alltag zu schreiben. Nämlich diesen hier. Und damit goodbye for now und bis zu einem Tag, an dem wieder richtig viel passiert.

Sonntag Regen Tokio balkon

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3 Kommentare zu Curry an einem regnerischen Sonntag in Tokio

  1. Claudia sagt:

    Diese leeren Sonntage in Tokio kenne ich auch. Man kann auf den Straßen manchmal minutenlang kein Auto sehen. Besonders wenn man in Gegenden wie Kanda wohnt, wo hauptsächlich Firmen sind.
    Da hab ich es genauso gemacht wie du.
    Auf die Idee, so schön und unterhaltsam zu schreiben, bin ich noch nie gekommen.
    Vielleicht beim nächsten Mal.

    Herzliche Grüße
    Claudia

    • Matze sagt:

      Dafür machst du die schöneren Fotos 😉.
      Auf die Idee mit dem Artikel bin ich ehrlich gesagt erst beim Bezahlen des Curries gekommen. Da hab ich gedacht, hm, Alltag ist doch irgendwie unterschätzt. Gerade wenn es um persönliche Erinnerungen geht… Da macht man zehn Fotos von einem Tempel, von dem es schon 100.000 weitere im Internet gibt, aber den Laden, wo man sich jeden Morgen das Frühstück geholt hat, hat man nicht dokumentiert.

      • Claudia sagt:

        Dafür vermitteln deine Bilder genau dieses Gefühl des „unspektakulären“ und das macht genau so ein Sonntags-Regen-Gefühl aus. Bei mir standen auch so nasse Gummilatschen auf dem Bakon rum. Ein wunderbares Tokio Detail.
        Ich wäre jetzt gern da.
        Liebe Grüße
        Claudia

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